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Erntereste als Baustoff?

Publiziert am 17.06.2014 von Frédéric Pichelin, Leiter Institut für Werkstoffe und Holztechnologie BFH
Erntereste

Meinung Die EU fördert heute die Nutzung von Holz für die Produktion von Flüssigkraftstoffen und als Energieressource massiv. Das konkurrenziert die europäische Holzwerkstoffindustrie zunehmend. Können wir Holz als Baustoff mit anderen nachwachsenden Rohstoffen ersetzen? 

Jahr für Jahr werden in der Schweiz zirka 130‘000 ha Feldfrüchte (Weizen, Gerste und Körnermais) angebaut und geerntet. Bei der Ernte entstehen Nebenprodukte, sogenannte Agrarreststoffe (Weizenspreu, Gerstenspreu, Maisstroh und Maisspindel), welche heute nicht vollständig genutzt werden. Von den anfallenden zirka 200‘000 t Agrarreststoffen werden schätzungsweise 50% in Form von Tierfutter, Einstreu oder einfachem Energieträger verwertet. Die andere Hälfte zirka 100‘000 t pro Jahr ist ein ungenutzter natürlich nachwachsender Rohstoff.

In der Schweiz wurden im Jahre 2012 zirka 1‘100‘000 m3 Plattenwerkstoffe (Spanplatten, MDF und Isolationsplatten) hergestellt. Je nach Produkt, das man aus den Agrarreststoffen herstellen würde, könnten 10-20% des schweizerischen Plattenmarktes damit abgedeckt werden, was ein enormes Potential darstellt.

In Kooperation mit der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmitteltechnologie (HAFL) hat das Institut für Werkstoffe und Holztechnologie der Berner Fachhochschule bewiesen, dass die Produktion von Bau- und Dämmplatten aus Weizen- oder Gerstenspreu möglich ist. Die Produktion ist sogar auf einer traditionellen Spanplattenanlage möglich. Die technischen Eigenschaften sind vergleichbar mit den Eigenschaften von herkömmlichen Holzwerkstoffen.

Das Potential für den neuen, noch wenig untersuchten Rohstoff ist also gross. Fasermaterial könnte zum Beispiel bei der Isolation von Wänden eingesetzt werden, während Bauplatten als Aussteifungsplatten oder Bodenplatten eine gute Anwendung finden könnten. In Zukunft könnte man sich sogar ein komplettes Wandsystem aus Agrarresten vorstellen. 

Der Weg bis zur industriellen Fertigung dieser Platte ist aber noch lang. Die ganze Wertschöpfungskette von der Ernte über die Weiterverarbeitung muss angeschaut und bewertet werden, damit die Pflanzen effizient in ihre einzelnen Teile aufgebrochen und optimal genutzt werden können. Auf diese Weise können die vorhandenen Ressourcen bestmöglich genutzt und ein wichtiger und hochwertiger Rohstoff, nämlich Holz, entlastet werden. Der Einsatz von Agrarreststoffen soll ihren Eigenschaften entsprechend erfolgen und keineswegs den Rohstoff Holz ersetzen.

Frédéric Pichelin

Frédéric Pichelin

Dr. Frédéric Pichelin hat ein Studium der Holzwissenschaft absolviert und im Bereich natürliche Klebstoffe promoviert. Von 1999 bis 2001 war er Assistent der Geschäftsleitung der deutschen Anlagenhersteller Siempelkamp GmbH. Seit 2001 leitet er die Forschungseinheit Werkstoffe und Holztechnologie an der Berner Fachhochschule. Heute leitet er das Institut für Werkstoffe und Holztechnologie an dieser Fachhochschule. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Kaskadennutzung von nachwachsenden Rohstoffen in Kombination mit natürlichen Klebstoffen.

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