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The Times They Are A-Changin'

Publiziert am 06.05.2014 von Beat Kämpfen, Geschäftsleiter des Architekturbüros kämpfen für architektur ag in Zürich
Haus Justinus Zürich

Meinung Der Bundesrat hat den Planern ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: die Energiewende! Innert zwanzig Jahren soll der Energieverbrauch um einen Drittel gesenkt werden. Mit Bob Dylan’s Worten kann man dazu sagen: «Die Zeiten ändern sich, ihr Gestalter der Zukunft öffnet eure Augen, denn die Chance kommt nicht noch einmal». 

Wenn wir die Energiewende schaffen wollen, müssen wir uns vor allem dem Gebäudebestand widmen. Dies geht nicht ohne optische Veränderung. Die Energiewende ist nicht nur eine radikale technische Herausforderung, sondern hat auch ein ebenso grossartiges gestalterisches Potenzial. Drei Viertel der Bausubstanz ist vor 1980 erstellt worden, energetisch genügen diese Bauten nicht. Davon haben geschätzte 70% keinen kulturellen Anspruch und eine energetische Erneuerung bietet ganz nebenbei die Chance zur ästhetischen Aufwertung und zur Verdichtung. Bei weiteren 20% braucht es sensible, energiebewusste und gut ausgebildete Architekten, welche diese komplexe Aufgabe ganzheitlich angehen. Und die verbleibenden 10% sind kulturhistorisch bedeutend und dürfen weiterhin übermässig Energie konsumieren.

Leider ist die Gebäudeerneuerung ein Stiefkind der Planungsbranche. Sie wird von Laien geleitet und von nur an Einzelaspekten interessierten Unternehmern ausgeführt. Oft fehlt die fachliche Analyse, die Sicht auf das Ganze, die Abstimmung der einzelnen Massnahmen oder ein Etappierungskonzept. Architekten, die ihren Beruf mit Leidenschaft betreiben, sind in diesem Gebiet selten. Das in Bearbeitung stehende SIA-Merkblatt 2047 «Energetische Gebäudeerneuerung» versucht eine Hilfestellung im weiten Spektrum von der einfachen Pinselsanierung bis zum Totalumbau zu bieten.

Wir haben viele Möglichkeiten, um bei bestehenden Bauten den Energiebedarf drastisch zu reduzieren, den Wohnkomfort zu erhöhen und zugleich vorhandene ästhetische Qualitäten zu akzentuieren. Die Architekten sollten die Energiewende als attraktive Chance begreifen, um ihre Kreativität zu entfalten.

Im konkreten Einzelfall sind die richtigen Kompromisse zwischen nachgebesserter Gebäudehülle und raffinierter Gebäudetechnik zu finden. Das Bild zeigt das Studentenhaus Justinus in Zürich, Baujahr 1910, denkmalgeschützt und frisch renoviert. Das Aussehen ist nur unmerklich verändert, obwohl das Dach dick gedämmt und die Lukarnen mit einem Hochleistungsdämmstoff versehen sind. Diskret ins Dach integrierte Sonnenkollektoren unterstützen die Erdsondenheizung.

Beat Kämpfen

Beat Kämpfen

Beat Kämpfen, M. A. UC Berkeley, dipl. Arch. ETH/SIA, ist Geschäftsleiter der kämpfen für architektur ag in Zürich. Er ist Präsident der Kommission für das SIA-Merkblatt 2047 „Energetische Gebäudeerneuerung“.

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Kommentare

  • 07.05.2014 10:33
    Tatsächlich ist nicht jeder Altbau eine ästhetische Trouvaille. Was sich aber bei jedem Objekt lohnt ist eine Abwägung der Optionen dämmen oder speichern. Die Kosten einer sorgfältigen Dämmung, welche bauphysikalisch mehr Nutzen bringt als Schaden anrichtet bewegen sich in der derselben Höhe wie ein Erdsondenspeicher saisonal anfallender Abwärme, z.Bsp. aus der Überproduktion von Solarkollektoren oder passivem kühlen. Die Nutzung nachhaltig anfallender Abwärme kann eine zusätzliche Dämmung erübrigen. Siehe auch Swissbau-Blog Beitrag: „Speichern statt Dämmen“: http://www.swissbau.ch/de-CH/ueber-die-swissbau/interaktiv/blog/2013/06/speichern-statt-daemmen-das-potential-der-oerflaechennahen-geothermie.aspx