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Die energetische Aufrüstung gefährdet die Baukultur

Publiziert am 01.04.2014 von Gerold Kunz, Denkmalpfleger des Kantons Nidwalden
Luzern Brambergstrasse

Meinung Obwohl zur Energiewende noch Grundsatzdebatten geführt werden, wird an vielen Objekten schon heute Hand angelegt. Es wird mit der grossen Kelle angerührt und vielerorts werden Isolationen aufgetragen, um Energie zu sparen. 

Die bisherige Erscheinung von Gebäuden und Siedlungen wird damit fundamental verändert, oft nicht zugunsten des Gebäudes. Wir Denkmalpfleger und unsere Beratung bei energetischen Sanierungen sind daher heute mehr denn je gefragt.

Das Tempo, das die energetische Aufrüstung aufgenommen hat, schadet der Baukultur. Noch bevor sich die heutige Generation ihr eigenes Bild von der baukulturellen Vergangenheit machen kann, gehen wegen der Sanierungswelle insbesondere Bauten der 1960er- und 1970er-Jahre als Bauzeugen bereits verloren.

Oft liegt die Entscheidung, wie das Gebäude nach der Umhüllung mit einer Isolationsschicht aussehen wird, in den Händen der Unternehmer, die mit der Nachisolation betraut sind. Während bei geschützten Bauten ein sensibler Umgang mit dem Baubestand gesetzlich gefordert ist, fehlt beim Umgang mit Bauten der jüngeren Baugeschichte, die noch nicht unter Schutz stehen, das Fachwissen.

Schnelle Lösungen wie Fenster erneuern, Aussendämmung auftragen und Dach isolieren kommen heute bei vielen Gebäuden zur Anwendung. Um Eingriffe im Innern möglichst zu vermeiden, wird die bisherige Erscheinung der Bauten geopfert. Energetische Sanierungen werden heute oft dazu genutzt, Gebäuden aus den 1960er-Jahren einen «modernen Anstrich» zu verleihen. Damit die Baukultur nicht verloren geht, sollten bei ästhetischen Korrekturen an den Bauten in jedem Fall qualifizierte Architektinnen und Architekten hinzugezogen werden. Ein Umdenken ist nötig und der Einbezug der Denkmalpflege ein dringendes Anliegen. Die Politik ist gefordert, ihr die erforderlichen Mittel bereitzustellen.

Gerold Kunz

Gerold Kunz

Als Architekt und Denkmalpfleger des Kantons Nidwalden wird Gerold Kunz täglich mit gestalterischen Fragen der Veränderungen am Bau konfrontiert. Während es zur Aufgabe des freiberuflichen Architekten gehört, auf das Gebäude abgestimmte Konzepte mit der Bauherrschaft zu definieren, sieht sich Kunz als Denkmalpfleger und somit als Behördenvertreter in der Rolle des Mahners, der erkennt, welche wertvolle Substanz bei energetischen Sanierungen durch fehlendes Wissen verloren geht. Für die Konferenz der Schweizer Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger KSD bearbeitet Kunz das Dossier «Energie und Baudenkmal».

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