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An die Kinder denkt niemand

Publiziert am 15.04.2014 von Marco Hüttenmoser, Gründer und Leiter «Kind und Umwelt»
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Meinung Die heutige Bau- und Verkehrsplanung übergeht grundlegende Bedürfnisse der Kinder. Der Lebensraum der Kinder wurde im Laufe der vergangenen Jahre immer mehr eingeschränkt. Eine neue Sicht der Dinge vermag dies zu ändern. 

Kinder wachsen je länger, desto isolierter auf: Sie werden zu ganztags von Erwachsenen kontrollierten Hors-sol-Gewächsen. Ein Umdenken in der Bau- und Verkehrsplanung kann die Situation der Kinder wesentlich verbessern. Denn Kinder sind neugierig. Sie wollen ihre Umgebung kennen lernen und haben einen grossen Bewegungsdrang. Kinder brauchen andere Kinder: nicht nur in der Krippe oder der Tagesschule. All das sind entscheidende Bedingungen für ein gesundes Aufwachsen, für das Heranwachsen einer selbstständigen Persönlichkeit.

Wir bunkern uns ein!

Früher waren bei Mehrfamilienhäusern Hinterausgänge noch üblich. Sie sind aus Renditeerwägungen verschwunden. Der Weg zum zentralen Spielplatz einer Siedlung führt um die Häuserblöcke herum, Hauptstrassen entlang, über Einfahrten von Tiefgaragen hinweg. Für jüngere Kinder eine Zumutung. Wo es noch Hinterausgänge hat, etwa an älteren Blockrandbebauungen, sind selbst diese genau wie die Haupteingänge mit Schnappschlössern gesichert. Der Weg zurück in die Wohnung ist den Kindern verbaut. Einen Schlüssel gibt man den Kindern nicht mit. Energiesparhäuser haben derart schwere Türen, dass die Kinder sie auch mit einem Schlüssel nicht öffnen können. Jüngere Kinder dürfen nur unbegleitet ins Freie, wenn sie allein in die Wohnung zurückkehren können. Die nötige Technik ist seit Jahren vorhanden und wird für Katzen eingesetzt. An die Kinder denkt niemand.

Ein schönes Wohnumfeld … zum Anschauen

Gemäss amerikanischen Untersuchungen soll der Blick durch vergitterte Fenster ins Grüne zur Sozialisation von Straftätern beitragen. Sind Kinder Straftäter? Tatsächlich hat man oft den Eindruck, dass schöne Grünanlagen nur zum Anschauen da sind und nicht für die Nutzung. Mit ein paar sterilen Spielgeräten versucht man, die vorgeschriebenen Normen einzuhalten. Aber das Wohnumfeld nutzen, den Rasen betreten und dabei noch fröhlich lachen und lärmen? Nein danke!

Ein gutes, selbstständig erreichbares Wohnumfeld ist der einzige Ort, wo sich Kinder heute noch unbegleitet von Erwachsenen bewegen und mit andern Kindern spielen können. Dazu braucht es nicht nur kinderfreundliche Haustüren, sondern auch andere Kinder.

Seit Jahren spricht man von der «optimalen Durchmischung» und versteht darunter, dass man alle Altersgruppen gleichmässig auf die verschiedenen Wohnquartiere verteilen sollte. Tut man dies, so führt man die wenigen Kinder, die dort noch wohnen, in die Isolation: Es muss eine gewichtete Verteilung stattfinden. Familien mit Kindern gehören nicht in Häuser, die an Hauptstrassen gelegen sind, sondern dorthin, wo es gute Wohnumfelder hat. Kinderfreundliche Siedlungen bieten die besten Bedingungen für das Aufwachsen der Kinder. Dies im Gegensatz zum vielfach verbreiteten Drang junger Eltern nach einem eigenen Haus mit Garten. Der Traum vom ländlichen Paradies ist für Kinder vielfach ein Albtraum. Die Kinder sind im eigenen Garten gefangen. Begegnungszonen, die nicht von Parkplätzen verstellt sind, sind daher sehr wichtig. Andere Kinder trifft man nicht im Garten, sondern auf den Quartierstrassen. Der Trend zu verdichteter Bauweise ist für Kinder gut. Allerdings sollten in Mehrfamilienhäusern die unteren Stockwerke vorzugsweise an Familien mit kleinen Kindern vermietet werden. Wohnberatung für werdende Familien und Umzugsregeln in Siedlungen sind angebracht.

Selbstständig erreichbare Wohnumfelder in Siedlungen und viele gute Begegnungszonen in Wohnquartieren sind die wichtigsten und kostenmässig günstigsten Massnahmen für ein gesundes Aufwachsen der Kinder und das beste Mittel, um die Kinder, seien es einheimische oder zugewanderte, in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Im Gegensatz zur siebenjährigen Beatrice, welche unbegleitet im Freien spielen kann und viel Bewegung und Spielkameraden hat (siehe Bild oben), kann der gleichaltrige Roman nicht ins Freie und hat keine Freunde in der Nachbarschaft (siehe Bild unten).

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Marco Hüttenmoser

Marco Hüttenmoser

Dr. Marco Hüttenmoser ist Erziehungswissenschafter und Kunsthistoriker. Er forscht seit über 40 Jahren im Bereich Kind und Umwelt. 1980 gründete er die Forschungs- und Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt» in Muri AG. Sie untersucht Fragen der Mensch-Umwelt-Beziehung.

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