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Was jetzt? Die Zukunft der Schweiz braucht ein Landgesetz!

Publiziert am 25.03.2014 von Benedikt Loderer, Stadtwanderer
Zersiedelung

Meinung Alle sind gegen die Zersiedelung. Alle stimmen ein ins helvetische Gewinsel, ins Gebarme um die Schönschweiz. Ein Hüsli mit Doppelgarage, eine Zweitwohnung plus Autobahnen, Shoppingcenter und einen Parkplatz will aber trotzdem jeder haben. Bitte keine Krokodilstränen mehr! Es ist an der Zeit, sich der Wirklichkeit zu stellen. 

Die Neureichen Europas bejammern die Folgen ihres Reichtums. Unsere stillschweigend vereinbarte Staatsmaxime lautet: Wir sind reich, wollen reich bleiben und noch reicher werden. Wer für das Prinzip «Reicherwerden» ist, muss für die Zersiedelung sein. Denn mit diesem Prinzip hat jeder Anspruch auf alles, was er zahlen kann. Und als Konsequenz gibt es so viel Zersiedelung, wie Geld dafür vorhanden ist. Niemand ist für das Prinzip «Ärmerwerden».

Allerdings, woher nehmen wir die Gewissheit, dass die nächsten sechzig Jahre die Fortsetzung der letzten sechzig sind? Bauen wir in den nächsten zwei Generationen noch ein zweites Mal mehr als alle unsere Vorfahren seit den Römern zusammen? Soll die Zersiedelung fröhlich weitergehen? Die Schweiz doppelt so dick werden wie heute? «La Suisse doublement gonflée?»

Dass unser Landkonsum nicht nachhaltig ist, hat auch der hohe Bundesrat erkannt: «Wenn die Trendentwicklungen einfach hingenommen werden, führt dies zu einem nicht mehr vertretbaren Flächen- und Landschaftsverbrauch. Wenn wir dem räumlich-wirtschaftlichen Strukturwandel taten- und konzeptlos zusehen, gefährden wir die politische Stabilität unseres multikulturellen, föderalistischen Staates.» Das war 1996. Wo stehen wir heute? Das Land nahm ab, die Agglomeration zu. Wir verteidigen nicht das Land, wir verteidigen den Wohlstand.

Doch darf uns das nicht bekümmern. Tatsachen verderben die Stimmung. Nicht nachhaltig? Da hilft die Flucht ins Prinzip Hoffnung: Windräder, Geothermiebohrungen, Solarkraftwerke in der Sahara, Elektroautos. Keine Bange, der Erfindergeist der Menschheit wird uns schon retten. Nicht die Ursache, der Raubbau an den Ressourcen, ist das Problem, sondern der Wirkungsgrad. Den werden wir mit Daniel Düsentriebs Hilfe verbessern, was uns erlaubt, das Konsumniveau zu halten. Niemand muss seinen Lebensstil ändern, das verspricht die «grüne Politik», die unterdessen alle Parteien zu unterstützen vorgeben. Leider wird sie nie funktionieren. Die Naturgesetze verbieten es. Die entscheidende Grösse ist die Regenerationsfähigkeit der Erde. Heute braucht sie insgesamt rund 18 Monate, um das zu regenerieren, was wir in 12 Monaten verbrauchen. 1,5 – voilà tout. Verzicht muss nicht sein, versprechen uns die Inhaber der welterklärenden Gewalt. Falsch, entgegnet die Biophysik: die Einschränkungen sind unabwendbar. Es gibt kein Wachstum unabhängig von den Ressourcen. Wir reden von der 2000-Watt-Gesellschaft, brauchen 6300 und importieren davon 2700 als graue Energie. Was in der Schweiz gespart wird, vergeuden wir anderswo.

Der Herrgott, der Bundesrat oder das Schicksal sollen gefälligst dafür sorgen, dass die Bestandswahrung garantiert ist, das Reicherwerden stattfindet und dass es auch in Zukunft so bleibt. Wird es nicht. Das neue Zauberwort heisst: Genügsamkeit. Würden wir, zum Beispiel, statt der rund fünfzig Quadratmeter Wohnfläche pro Kopf nur vierzig beanspruchen, wären, nach der Milchbüechlirechnung, ein Fünftel der Wohnungen leer. Niemand leidet an nur vierzig Quadratmetern Wohnfläche pro Nase. Wir sind nicht übervölkert, wir haben zu viel Geld. Es ist nicht zu eng in der Schweiz, wir sind bloss zu dick. Die Zuwanderung verschärft die Lage, denn zum erstem Mal kommen Dicke in die Schweiz, so dick wie wir selbst. Auch sie brauchen so viel Platz, wie sie Geld haben, grad wie die Schweizer. Wer reich ist, ist nicht nachhaltig.

Doch da der Konsum das Subjekt der Geschichte ist, da nur durch seine Steigerung das Staatsziel des Reicherwerdens zu erreichen ist, ist der Fortbestand des goldenen Zeitalters die Voraussetzung für den Wohlstand der Eidgenossenschaft. Wir brauchen keine Zukunft, wir brauchen Zuwachs. Wer hat noch den Mut oder die Verblendung, an eine so stabile Welt zu glauben, wie wir sie für unser Reicherwerden dringend brauchen?

Die Stimmung kippt. Die Heilserwartung schwindet. Auf das Mehr ist kein Verlass mehr. Die Wachstumsgewissheit bröckelt. Im Bauch spüren wir, was der Kopf nicht zugeben will: Der Fortbestand des goldenen Zeitalters ist nicht garantiert. Vielleicht war das plötzliche Dickwerden der Schweiz nur eine vorübergehende Laune der Geschichte. Die vom Krieg Verschonten packten die einmalige Gelegenheit beim Schopf und machten gute Geschäfte. Teils war es ehrliche Arbeit und teils war es Hehlerlohn, Geld jedenfalls war beides. Das Schlimmste, was wir uns vorstellen können, ist: Unser Konsum sinkt. Wenn die Rente bröckelt, dann wackelt das Hüsli. Die Sicherheit wankt, die Zinsen steigen, die Grundstückspreise sinken, der Sonderfall würgt. Wir sind in der Wirklichkeit angekommen. Wir werden das Staatsziel Reicherwerden verfehlen. Unsere Kinder werden es schlechter haben als wir.

Schluss mit dem Raubbau
Die Landesverteidigung tut, was in ihrem Namen steckt: Sie verteidigt das Land. Wir brauchen ein eidgenössisches Landgesetz. Wie seit 1876 das eidgenössische Waldgesetz «den Wald in seiner Fläche und in seiner räumlichen Verteilung» schützt, muss heute das noch unbebaute Land in seiner Fläche und Verteilung geschützt werden. Bisher waren alle Baugesetze grau gedacht. Sie regeln die Ausdehnung der Bebauung. Jede Bauzone ist die Vorgängerin der nächsten.

Das Landgesetz ist grün gedacht. Was noch grün ist, muss grün bleiben. Wer Wald rodet, muss Wald pflanzen. Wer Grün vergraut, muss Grau vergrünen. Wer baut, wird realersatzpflichtig. Landesverteidigung heisst: Das Baugebiet wird geschlossen. Die heute überbaute Fläche bleibt konstant, sie darf nicht vergrössert werden. Was schon steht, ist wichtiger als das, was noch kommt. Die Zahl der Gebäude wird eingefroren. Wer ein neues baut, muss ein altes abreissen. Anbauen und Aufstocken hingegen ist immer erlaubt. Platz dafür ist in der Hüslischweiz genug. Die Agglomeration ist noch lange nicht gebaut. Die Schweiz erstickt am Landgesetz keineswegs. Noch ist das Geld da und es wird weiterhin so viel gebaut, wie Geld dafür vorhanden ist. In Zukunft einfach dort, wo schon Häuser stehen. In der Hüslischweiz ist die Dichte am geringsten und die Infrastruktur vorhanden. Es ist dringend, sie besser auszulasten. Heute ist erst die Hälfte der möglichen Ausnutzung realisiert.

Alle sind gegen die Zersiedelung, alle unterstützen die Verdichtung. Das Landgesetz macht ernst damit. Es werden Mindestdichten vorgeschrieben, die mit der Zeit zwingend erreicht werden müssen. Verstädtert die Agglomeration! Der zeitgemässe Eidgenosse ist nicht länger der freistehende, es ist der zusammengebaute.

Der germanische Einzelhof ist längst nicht mehr zeitgemäss. Einfamilienhäuser werden verboten. Selbstverständlich gilt die Bestandesgarantie: Hüslibesitzer dürfen weiterhüslen. Nur, durch den Anbau eines zweiten oder mit dem Aufstocken einer Einliegerwohnung steigert sich die Sozialkompetenz des Hüslimenschen, ein Gewinn für das eidgenössische Zusammenleben. Die Jungen wohnen nun nebenan, statt 30 Autominuten hinter dem Horizont. Das Grundstück ist nun mehr als doppelt so hoch ausgenutzt wie zuvor. Die Agglomeration ist noch lange nicht gebaut. Wie früher die Mauer die Stadt vor dem Zerfliessen rettete, so wird das Landgesetz die Landschaft vor der Zersiedelung bewahren. Wie die Altstädte dicht und schön wurden, so wird die Agglomeration wild und lebenswert.

Gewiss, das Bauland wird teurer. Das ist im Programm Reicherwerden auch so vorgesehen und eine Bedingung für den Fortbestand des goldenen Zeitalters. Doch legt die Zahlungsbereitschaft der Nutzer den Landpreis fest, nicht der Eigentümer. Geld ist genug da, man denke nur an all die Erbschaften, die anstehen. Ich wiederhole: Es wird so viel gebaut, wie Geld dafür vorhanden ist. Wer kein Geld hat, mache sich statt über die Landpreise gescheiter Gedanken über das Eigentum. Selbst die Eigentumsordnung kann verändert werden. Im Weiteren gilt: Nur teures Bauland wird haushälterisch genutzt, andersherum, nur billiges vergeudet.

Her mit dem Landgesetz
Doch das Landgesetz ist keineswegs Bewahren der Schönschweiz allein, es ist vor allem eine Investition in die Zukunft. Da wir uns die Zersiedelung bald nicht länger werden leisten können, müssen wir sie beenden. Das Landgesetz ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Es ist das Ende der Verschwendung: Die wachstumsbesoffene, dick gewordene Wegwerfschweiz erwacht und kommt zu jener Vernunft, die ihr ihre eigenen wirtschaftlichen Grenzen vorschreiben. Die Ernüchterung kommt. Das Landgesetz hilft die kommende Krise zu meistern.

Die Landesverteidigung ist der Umbau der Konsumschweiz in eine nachhaltige. Ohne Landgesetz kann die Schweiz ihr Staatsziel Reicherwerden nicht erreichen. Denn die Zersiedelung frisst die künftigen Gewinne. Ohne Landgesetz wird der ewig neutrale, unabhängige, bewaffnete Kleinstaat der Schweizerischen Eidgenossenschaft wieder dahin zurücksinken, wo er von seinen Ressourcen her hingehört: ins wirtschaftliche Mittelfeld. Die Neureichen Europas erwachen aus dem Konsumrausch und werden wieder Normaleuropäer.

Benedikt Loderer

Benedikt Loderer

Benedikt Loderer studierte nach einer Bauzeichnerlehre Architektur an der ETH Zürich, wo er auch doktorierte. Nach seinem Studium ging er bald in den Journalismus. Für die Redaktion des Tagesanzeigers schrieb er Berichte als Stadtwanderer und Architekturkritiker. 1988 gründete er Hochparterre, die Zeitschrift für Architektur und Design, deren Chefredaktor er von 1988 bis 1997 war. 2010 pensionierte sich Benedikt Loderer als Redaktor. Seither frönt er dem Stadtwandern als Hobby.

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Kommentare

  • Alex Schneider sagte:
    26.03.2014 06:57
    Ohne die übermässigen Zuwanderungsraten müssten wir uns weit weniger Sorgen wegen der Zersiedelung machen. Das Haus im Grünen bleibt ein Traum vieler Familien, da können die Architekten wettern wie sie wollen.
  • 28.03.2014 09:31
    Der integrale Schutz der (verbleibenden) Kultur- und Naturflächen ist längst angezeigt, vor zwei Jahren habe ich an der Engelberger Akademie den gleichen Vorschlag präsentiert: nach dem Vorbild des Waldgesetzes von 1876, einem Musterbeispiel an kluger Korrektur- und Nachhaltigkeitspolitik, ist das unverbaute Land ausserhalb der bestehenden Infrastruktur per Landgesetz zu schützen. Wer aus zwingenden Gründen ausserhalb der bereits überbauten Fläche Boden konsumieren will, hat für Realersatz zu sorgen.
    Der aktuelle Landkonsum entlang den Rändern der Agglomerationen zeigt, dass es anders nicht geht. Die Raumplanung schafft es nicht ihre Ziele zu erreichen, ihre Instrumente sind zu schwach gegenüber der Gier nach kurzfristigem Profit und freistehendem Eigenheim. Dabei hat der Konsum an Wohnraum bereits absurde Ausmasse erreicht; auf dem Land ist dies durch die Zersiedelung von weitem erkennbar, in den Städten wird jede zweite Wohnung von noch einer einzigen Person bewohnt. Die Infrastruktur von Basel-Stadt ist für 250'000 Einwohner gebaut, fast so viele wohnten 1970 im Stadtkanton, und heute sind es trotz stetem Wohnungsbau 195'000. Land, Agglo und Stadt sind (entgegen dem modischen und politisch instrumentalisierten Luxusgejammer über "Dichtestress") an Menschen massiv entdichtet, der angebliche Wohnungsmangel ist das Produkt des Wohlstandkonsums, Wohnungen für Kleinfamilien sind Orte des zelebrierten Individualismus geworden. Einsamkeit, Anonymität und Pendelei gehören zu den Symptomen der Platzverschwendung.
    Schon Kinder wissen, dass die natürlichen Ressourcen begrenzt sind. Sie zeichnen oft Häuser mit Grasdächern, damit die Natur ihre ursprüngliche Grundfläche beibehalten kann. Mit Blick auf die nächste Generation müssen wir diese Weisheit in intelligente Gesetze giessen und vor allem die Freude am Mitmenschen neu entdecken - dann wird wieder die Wohnung die erste Begegnungszone.

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