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Freiräume erhalten: experimentieren statt zementieren

Publiziert am 29.10.2013 von Urs Hausmann, Berater bei der Wüest & Partner AG
Kirchen

Meinung Zahlreiche Gebäude werden heutzutage gar nicht mehr oder zumindest nicht in ihrer ursprünglichen Form gebraucht. So wurde – nach nur 15 Betriebsjahren – das Briefverteilzentrum Sihlpost am Hauptbahnhof Zürich im Jahr 2009 abgebrochen. Statt Postangestellten beleben heute Studierende den neu erstellten Campus der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Und auch die Schweizer Armee mustert Tausende von Immobilien aus. Viele von ihnen sind ein Erbe des Kalten Kriegs, die glücklicherweise nur zu Übungszwecken gebraucht wurden. Ähnliches gilt für die 6'000 sakralen Gebäude wie Kirchen und Kapellen, die landauf und landab unsere Ortsbilder mitprägen. Auch ihre Nutzung steht vor einer unsicheren Zukunft. Was sind die Gründe? Handelt es sich bei den Beispielen um klassische Fehlinvestitionen oder sind sie nur Ausdruck dafür, dass letztlich alle Immobilien ein befristetes Dasein führen?

Die Beispiele führen uns vor Augen, dass die Herausforderungen eines nachhaltigen Gebäudeparks Schweiz nicht im «richtigen» Neubau liegen, sondern im intelligenten Umgang mit den existierenden Gebäuden und Infrastrukturen.

Trotzdem ist es die Neubautätigkeit, die in Siebenmeilenstiefeln von Rekord zu Rekord eilt und unsere Aufmerksamkeit in Bezug auf die Umsetzung der baulichen Nachhaltigkeit geniesst. So entscheiden jedes Jahr Zehntausende von Bauherren individuell über ihre eigenen mehr oder weniger weitreichenden Bauprojekte. Dies betrifft Neu- oder Umbauten sowie Sanierungen oder Ersatzneubauten. Atomisierte Entscheidungen also, die auf den ersten Blick einem unkoordinierten Ameisenhaufen gleichkommen. Dadurch ergibt sich ein stattliches Hochbauinvestitionsvolumen von circa 50 Milliarden Franken pro Jahr. Bleibt dabei das Postulat der Nachhaltigkeit auf der Strecke? Sollte die Bautätigkeit insgesamt nicht mit entsprechenden Leitplanken in die «richtige» Richtung gelenkt werden?

Wer ausser den Investoren kann wissen, welche Bauprojekte wo und in welcher Qualität zu bauen sind? Ein Blick zurück zeigt, dass nicht wenige «gutgemeinte» staatliche Interventionen letztlich in Sackgassen führten. Soll das in der Bundesverfassung verankerte Postulat der Nachhaltigkeit tatsächlich erreicht werden, dann besteht die vornehmliche Aufgabe des Staates darin, bewusst Freiräume für die kommenden Generationen offen zu halten. Damit haben sie die Möglichkeit, zu gegebener Zeit selbst entscheiden zu können. Formale Vorschriften wie Gesetze und Verordnungen besitzen dagegen ein nicht zu unterschätzendes Verharrungsvermögen. Sie können einerseits Fehlentwicklungen zementieren und andererseits das Entstehen von kreativen Lösungsansätzen be- oder gar verhindern. Vielmehr sind es bewusst erhaltene oder neu geschaffene Freiräume, welche die Nachhaltigkeit beim Bauen fördern. Kehren wir zum Briefverteilzentrum Sihlpost zurück. Wer hätte vor rund 20 Jahren gedacht, dass Feriengrüsse dereinst nicht mehr mit einer Postkarte, sondern elektronisch über Social-Media-Kanäle wie MMS übermittelt werden?

Urs Hausmann

Urs Hausmann

Dr. oec. HSG Urs Hausmann arbeitet als Berater bei der Wüest & Partner AG in Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte bilden Marktstudien zum Schweizer Bau- und Immobilienmarkt sowie die Mitarbeit an der halbjährlich erscheinenden Publikation «Immo-Monitoring».

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