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Strom aus Geothermie: Warnung vor weissen Elefanten

Publiziert am 20.08.2013 von Rudolf Rechsteiner, Altnationalrat SP
Sonnendurchflutet

Meinung Das Erdbeben in St. Gallen ist keine Katastrophe. Aber nachdem ähnliche Projekte in Basel (2009) und Staufen (Südbaden) scheiterten und millionenschweren Folgekosten nach sich zogen, drängt es sich auf, die Erwartungen in diese Technik zu überdenken. 

Über 50‘000 Erdsonden stehen in der Schweiz erfolgreich in Betrieb. In urbanen Zentren mit einem hohen Anteil Altbauten sind Nah- und Fernwärmenetze unter Nutzung der Geothermie durchaus sinnvoll. Erdwärme kann hier dazu beitragen, den Anteil und die Risiken der fossilen und atomaren Energieträger zu senken. Allerdings: Erdsonden erzeugen keinen Strom, sondern sie verbrauchen welchen. Denn erst die Kombination mit Wärmepumpen ermöglicht die nachfragespezifische Skalierung von Erdwärme niedriger bis mittlerer Temperatur auf das Niveau von häuslicher Komfortwärme. 

Dass die Geothermie viel Strom liefern kann, wird zwar von den grossen Energiekonzernen seit Jahren insinuiert. Auch der Bundesrat schürt diese Erwartungen, wenn er damit in seiner „Energiestrategie 2050“ ein bis zwei Atomkraftwerke ersetzen will. Merkwürdig dabei ist allerdings, dass der Bundesrat den inzwischen viel billigeren Solarstrom nach wie vor blockiert und ihm in den nächsten 20 Jahren keinerlei tragende Rolle einräumen will. Offensichtlich werden hier zentralistische Versorgungsstrukturen in die Zukunft fortgeschrieben, die in Wirklichkeit niemandem dienen, denn die Preise für Bandenergie befinden sich an der Strombörse auf einem Tiefststand, und der vermeintliche Vorteil konstanter Leistung, der von den Promotoren der Geothermie stets ins Feld geführt wird,  ist im Umfeld der viel erfolgreicheren Solar- und Windenergie längst zu einem Nachteil geworden. 

Die falschen Hoffnungen auf Strom aus Geothermie werden die Energiewende eher verzögern als befördern.

Die Erfolge der Geothermie sind real betrachtet winzig. Selbst bei erfolgreichen Projekten wie in Unterhaching (Bayern) liegt die jährliche Stromausbeute in der Grössenordnung der Produktion von ein bis zwei Windturbinen moderner Bauart. In Deutschland mit seiner reichen bergmännischen Erfahrung lieferte die Geothermie 25 GWh Strom (2012), im Vergleich zu 21‘000 GWh aus Wasserkraft, 46‘000 GWh aus Windenergie und 28‘000 GWh aus Photovoltaik. Und dies, obschon die Geothermie rund dreimal so hohe Einspeisevergütungen erhält wie die Windenergie.

Als die Eidgenössischen Räte im Jahr 2007 die kostendeckende Einspeisevergütung und die Bürgschaften für Geothermie im schweizerischen Energiegesetz verankerten, lagen die Gestehungskosten von Solarstrom noch bei ca. 70 Rp/kWh. Heute hingegen ist Strom aus Sonne und Wind mit 20 Rp/kWh beziehungsweise 12 Rp/kWh nur noch halb so teuer wie Strom aus Geothermie. Auch die langen Projekt- und Innovationszyklen geothermischer Anlagen (4-8 Jahre), das Fehlen von Werksgarantien der Hersteller und die Unterschiede der lokalen Bodenbeschaffenheit führen dazu, dass Chancen und Risiken geothermischer Stromerzeugung inzwischen in einem vergleichsweise sehr ungesunden Verhältnis stehen. 

Die Politik täte nun gut daran, endlich jene Techniken zu deblockieren, die einen ökonomischen und  ökologischen Leistungsausweis aufweisen. Dazu gehört die Stromerzeugung aus Sonne und Wind ebenso wie die Biomasse, während der Modernisierung der bereits stark ausgebauten Wasserkraft als Ergänzung der fluktuierenden Energien ein wichtiger Platz zukommt.

In der Geothermie sollte man die wärmetechnische Nutzung priorisieren. Wo es keine thermischen Quellen hoher Temperatur gibt (zum Beispiel dank Vulkanismus), ist die Geothermie ohne reale Perspektive und dürfte auf Dauer unbedeutend und unwirtschaftlich bleiben.

Rudolf Rechsteiner

Rechsteiner Rudolf

Rudolf Rechsteiner war als Nationalrat (1995–2010) massgeblich an der Einführung von Einspeisevergütungen im Energiegesetz beteiligt und profilierte sich als Befürworter eines geöffneten Strommarktes in der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Er gehörte als Grossrat und als Mitglied des Vorstands der Industriellen Werke Basel (IWB) zu den politischen Promotoren des Geothermie-Projektes in Basel-Stadt, das wegen der Erdbebenrisiken im Jahre 2009 aufgegeben werden musste. 

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