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Ein Gebäude ist immer nur so gut, wie es geplant und gebaut wurde

Publiziert am 05.03.2013 von Franz Beyeler, Geschäftsführer MINERGIE
Lüftung Window

Meinung In der kalten Jahreszeit häufen sich die Klagen über trockene Luft in Minergie-Gebäuden. Mehr noch: In der Berichterstattung über die Neubauten Pädagogische Hochschule und Obergericht des Kantons Zürich ist von stickigem und schlechtem Raumklima die Rede, das bei den Gebäudenutzern zu ausgetrockneten Schleimhäuten, Juckreiz, Kopfweh und brennenden Augen führt.

In der Pädagogischen Hochschule fiel gar ein Student während des Gesangsunterrichts in Ohnmacht, angeblich wegen der schlechten Luft, und stiess sich den Kopf an einem Pult an.

Der Tages-Anzeiger schreibt über das Gebäude der Pädagogischen Hochschule: «Studierende sprechen von stickiger Luft in winzigen Zimmern, weil sich die Fenster im Minergie-Haus nicht öffnen lassen.» Das komme bei vielen Studierenden schlecht an. Es sei doch ganz normal, so eine Studentin, dass man ab und zu das Bedürfnis habe, die Fenster zu öffnen. Das finden wir allerdings auch: Der Neubau der Pädagogischen Hochschule wurde vom verantwortlichen Architekten als festverglastes Gebäude geplant und realisiert. Mit dem Baustandard Minergie hat das nichts zu tun - im Gegenteil: Minergie empfiehlt ausdrücklich den Einbau von Fenstern, die sich öffnen lassen, damit beispielsweise im Sommer während der Nacht die Räume auskühlen können.

Minergie ist ein Baustandard. Er garantiert mehr Komfort bei weniger Energieverbrauch - allerdings nur, wenn er durch Architekten und Planer richtig umgesetzt wird.

Beispiel Komfortlüftung: Sie ist immer nur so gut, wie sie geplant, realisiert und unterhalten wird. Viele Lüftungsanlagen werden vom Planer zu gross dimensioniert, was zu grösserer Trockenheit führen kann. Immer wieder kommt es vor, dass Lüftungsanlagen schon beim Bau so stark beschädigt werden, dass sie ihre Funktion gar nie richtig erfüllen können, oder dass der regelmässige Filterwechsel versäumt wird. Hierbei handelt es sich um Planungsfehler, Pfusch am Bau oder unsachgemässen Umgang mit der Komfortlüftung - und nichts davon kann Minergie angelastet werden. An der Pädagogischen Hochschule wurde zudem der Brandfalltest während des Unterrichts durchgeführt, was bedeutete, dass die Luftzufuhr während dieser Zeit unterbrochen und praktisch keine Frischluft im Gebäude war. Einen solchen Test führt man üblicherweise nach Abschluss der Bauarbeiten durch, vor Inbetriebnahme des Gebäudes, oder übers Wochenende, aber keinesfalls unter vollem Betrieb. Es ist für uns nicht nachvollziehbar, was sich die Verantwortlichen dabei gedacht haben.

Im Neubau des Obergerichts des Kanton Zürichs leiden die Nutzerinnen und Nutzer unter grosser Trockenheit bei maximal 25 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit und zu hoher Temperatur (24 Grad) in den engen Büros. Ausserdem müssen, so der Tages-Anzeiger, «Sachbearbeiterinnen in einem denkmalgeschützten Gebäudeteil Tonnen von Akten zu Fuss eine gediegene Treppe hinauf- und hinunterschleppen», anstatt wie früher mit dem Aktenwägelchen zu transportieren, weil ein Lift aufgrund der räumlichen Situation nicht möglich gewesen sei.

Auch hier handelt es sich ganz klar um ein planerisches Problem, das mit Minergie nichts zu tun hat, ebenso wie die engen Büros.

Adrian Altenburger schreibt in seinem Beitrag zum Thema Qualität des nachhaltigen Bauens: «Die Verantwortung für die funktionale und ressourcenschonende Qualität nachhaltiger Bauten ist nicht an einen Standard delegierbar, sondern liegt in erster Linie bei den Planern selbst.»

Zum Vorwurf, die für Minergie vorgeschriebene Komfortlüftung führe zu trockener Luft, nehmen wir wie folgt Stellung:

Beheizte Räume sind immer trocken, wenn die Aussentemperatur tief, die Raumtemperatur hoch ist, viel Aussenluft in den Raum gebracht und im Raum wenig Feuchtigkeit erzeugt wird. Kommen alle Faktoren zusammen, etwa in Büroräumen, in denen nie viel Feuchtigkeit entsteht, bei Temperaturen unter null, Raumtemperaturen über 25 Grad Celsius und geruchsfreier Luft, so ist Luft mit maximal 20 Prozent relativer Feuchte unvermeidlich. Ob die Luft nun über eine Lüftungsanlage, Ritzen oder über offene Fenster ausgetauscht wird, ändert daran gar nichts. Dasselbe gilt für grosse Wohnungen mit wenig Bewohnern und wenig Pflanzen.

Die Minergie-Standards verlangen auch für Wohnbauten einen automatischen Austausch der Raumluft. Wie das geschehen soll, ist den Bauplanern überlassen. Auch im Minergie-Haus können die Fenster jederzeit geöffnet werden (sofern vom Planer keine Festverglasung realisiert wurde!). Eine gut funktionierende Lüftungsanlage führt erfahrungsgemäss dazu, dass die Bewohner beziehungsweise Nutzer kein Bedürfnis zum Öffnen der Fenster empfinden, weil die Luft im Gebäude automatisch gut ist.

Wie für andere haustechnische Systeme gilt auch für die Komfortlüftung: Sie muss richtig eingestellt werden, damit sie den bestmöglichen Nutzen erbringt.

Raumbelegung und -nutzung, Aussen- und Innentemperaturen, Grünpflanzen und andere Faktoren beeinflussen das Raumklima. Es kann daher bis zu einem Jahr dauern, bis die Komfortlüftung optimal eingestellt ist.

Lukas Windlinger schreibt in seinem Beitrag zur Akzeptanz nachhaltiger Gebäude: «In Zukunft wird die Rolle des Facility Management weiter gefordert, die Nachhaltigkeit von Gebäuden so zu steuern, dass nicht ausschliesslich Energieeffizienz, sondern auch die nutzerbezogenen Aspekte die gebührende Beachtung finden.» Dem stimmen wir voll und ganz zu und plädieren für eine differenzierte und sachkundige Berichterstattung, wenn es um Minergie und Baumängel geht. Momentan geschieht es leider immer wieder, dass Planungsfehler und unsachgemässer Umgang mit der Haustechnik dem Baustandard angelastet werden. Man meint den Sack und schlägt den Esel. Damit ist niemandem gedient.

Weiterlesen: Die populärsten Unwahrheiten über Minergie

Franz Beyeler war Diskussionsteilnehmer der Swissbau Focus Arena «Wertsteigerung durch Gebäudelabels-nachhaltiges Bauen wird messbar». Sehen Sie im Rahmen des Eventreports die Sendung nach und erfahren Sie mehr zum Thema Gebäudelabels.

Franz Beyeler

Franz Beyeler

Seit der Gründung von MINERGIE im Jahre 1998 ist Franz Beyeler Geschäftsführer von MINERGIE. Er ist für den operativen Betrieb und damit für Finanzen, Marketing, Kommunikation, Markenschutz, Sponsoring und Networking verantwortlich. Franz Beyeler ist eidg. dipl. Betriebsökonom HWV.

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