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Wie hoch ist die Akzeptanz nachhaltiger Gebäude heute?

Publiziert am 29.01.2013 von Lukas Windlinger, Leiter der Kompetenzgruppe Betriebsökonomie und Human Resources am IFM ZHAW
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Meinung Die jüngsten Medienberichte zu zwei Neubauten (Pädagogische Hochschule und Obergericht) des Kantons Zürich weisen darauf hin, wie schwierig Energieeffizienz, Funktion und Akzeptanz von Neubauten zu vereinen sind. In den nach Minergie-Standard gebauten Gebäuden bestehen offenbar kurz nach Bezug die üblichen Einregulierungsprobleme der Gebäudetechnik.

Die Gebäudenutzerinnen und -nutzer haben dafür offenbar wenig Verständnis; sie erwarten eine optimale Unterstützung ihrer Aktivitäten in den Gebäuden ab dem Tag des Bezugs.

Die Akzeptanz von Gebäuden durch die Nutzenden ist eine besondere Herausforderung für das Facility Management und verdient aus verschiedenen Gründen mehr Aufmerksamkeit. Erstens sollen Gebäude die Nutzerinnen und Nutzer in ihrer Gesundheit und ihrem Wohlbefinden nicht beeinträchtigen. Zweitens müssen gewerbliche Liegenschaften die Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Mitarbeitenden unterstützen. Dies umso mehr als beispielsweise die Löhne der Beschäftigten rund achtzig Prozent der Kosten bei Bürogebäuden über den Lebenszyklus ausmachen und damit Erstellungs-, Instandhaltungs- und Bewirtschaftungskosten um ein Vielfaches übertreffen. Drittens müssen Gebäude die in Erstellung wie im Betrieb eingesetzte Energie möglichst effizient nutzen. Der Energieverbrauch in der Nutzungsphase übertrifft den Energieeinsatz beim Bau um ein Mehrfaches.

Der Fokus beim Bauen liegt heute mehr und mehr auf Nachhaltigkeit bzw. Energieoptimierung. In der Betriebsphase ist jedoch die Nutzerzufriedenheit die entscheidende Grösse für die Steuerung der Gebäude.

Noch fehlt es aber an Wissen, Konzepten und Richtlinien, um Energieeffizienz und Nutzerzufriedenheit über den Lebenszyklus von gewerblichen Liegenschaften gemeinsam zu optimieren. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass die Grundlage für Energielabels von Gebäuden in berechneten Werten mit Fokus auf die Erstellung anstatt auf gemessenen Werten mit Fokus auf die Benutzung liegt. Diese Werte können nämlich beträchtlich divergieren, v.a. dann, wenn Gebäude für die Nutzerinnen und Nutzer nicht zufriedenstellend sind und diese deshalb Manipulationen im und am Gebäude vornehmen.

In Zukunft wird die Rolle des Facility Management weiter gefordert, die Nachhaltigkeit von Gebäuden so zu steuern, dass nicht ausschliesslich Energieeffizienz, sondern auch die nutzerbezogenen Aspekte die gebührende Beachtung erhalten.

Die hier skizzierten Fragen zur Qualität nachhaltiger Bauten werden derzeit in einem gemeinsamen Forschungsprojekt der ZHAW und der ETH untersucht. Die Präsentation der Ergebnisse ist für Juni 2013 geplant.

Lesen Sie den Beitrag von Adrian Altenburger, der ebenfalls Bezug zur öffentlichen Kritik von zertifizierten Gebäuden nimmt.

Lukas Windlinger

Lukas Windlinger

Lukas Windlinger ist seit 2008 Professor am Institut für Facility Management der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Er ist Leiter der Kompetenzgruppe Betriebsökonomie und Human Resources in FM. Lukas Windlinger lehrt und forscht auf dem Thema des Workplace Management. Es ist ihm ein Anliegen, einen Beitrag zu einer nachhaltigen Arbeitswelt zu leisten, in der Menschen gut, gerne und gesund arbeiten können.

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  • Green Washing Small
    Adrian Altenburger, Verwaltungsrat und Mitglied der Geschäftsleitung Amstein+Walthert AG Zürich, argumentiert in seinem Beitrag vom 24. Januar 2013, dass die Verantwortung für nachhaltige Bauten im Besonderen bei deren Planern liegt.

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Kommentare

  • Christian Zeyer sagte:
    05.02.2013 14:20
    Lukas Windlinger sagt in seinem Artikel
    "In Zukunft wird die Rolle des Facility Management weiter gefordert, die Nachhaltigkeit von Gebäuden so zu steuern, dass nicht ausschliesslich Energieeffizienz, sondern auch die nutzerbezogenen Aspekte die gebührende Beachtung erhalten."

    In diesem Satz wird ein Widerspruch stipuliert, der höchstens bezüglich der Raumtemperatur gegeben ist. Im Gegenteil ist es doch oft so, dass die ungenügende Einstellung der Haustechnik sowohl Komfortprobleme, wie auch einen erhöhten Energieverbrauch nach sich ziehen. Trockene Luft in Minergie Häuser als Beispiel ist sehr oft das Resultat von zu hohen Luftwechselraten, die wiederum einen hohen Energieverbrauch nach sich ziehen. Werden Anlagen richtig betrieben und wird sichergestellt, dass dieser Betrieb auch aufrechterhalten bleibt, ist Energieeffizienz und Benutzerkomfort in sehr vielen Fällen nahezu deckungsgleich bzw. ist Benutzerkomfort mit vergleichbar wenig Abweichung von optimaler Effizienz zu erreichen. Voraussetzung dazu ist natürlich eine durchdachte Planung.

    C. Zeyer
    swisscleantech

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