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Qualität des nachhaltigen Bauens

Publiziert am 24.01.2013 von Adrian Altenburger, Verwaltungsrat und Mitglied der Geschäftsleitung Amstein+Walthert AG Zürich
Green Washing Window

Meinung Mit den im Dezember 2012 im Tages-Anzeiger publizierten Artikel wurde in einer breiten Öffentlichkeit der Anschein erweckt, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen nachhaltiger Bauweise und qualitativ minderwertiger Nutzung besteht. Dieses Bild darf sich nicht etablieren, und es ist dafür zu sorgen, dass nicht nur Medien- und Marketingwirksam zertifiziert, sondern auch fachkompetent geplant, gebaut und betrieben wird.

Insbesondere im Kontext zur Umsetzung der Energiestrategie 2050 ist es wichtig, dass nachhaltiges Bauen nicht primär eine Frage von Labels und deren Auflagen (z.B. Primäranforderung Gebäudehülle), sondern eine Frage der funktionalen und ressourcenschonenden Qualität des Ganzen ist.

Leider ist aber festzustellen, dass die Regeln der Baukunst und die dafür stehenden SIA-Normen und -Merkblätter gerade im Themenbereich des nachhaltigen Bauens oft nur oberflächlich bekannt sind.

Eine inhaltlich vertiefte und adäquate Auseinandersetzung findet weder in der Ausbildung an den universitären Hochschulen noch in den Unternehmungen im Sinne der Weiterbildung statt. So etabliert sich eine Tendenz zu Oberflächlichkeit und Halbwissen (Green Washing) unter Einsatz von marketingtauglichen Zertifikaten, aber potenziell fatalen Folgen für die gebaute Umwelt, deren Nutzer und die Planer, wie gesundheitlich Beeinträchtigungen, Verpflichtung zum Beizug von Prüfingenieuren aufgrund von Vertrauensverlust und kostspielige Mängelbehebungen.

Der vom Bundesamt für Energie lancierte und für Sommer 2013 in Aussicht gestellte neue «Standard für nachhaltiges Bauen Schweiz» (SNBCH) wird ein nächster Meilenstein in der Prozesskette zum nachhaltigen Bauen darstellen und nebst der ökologischen und sozialen Dimension von Nachhaltigkeit von Bauten insbesondere auch die ökonomische Ebene als weiteres wichtiges Kriterium berücksichtigen.

Während für den Neubaubereich schon gute Grundlagen für das nachhaltige Bauen vorhanden sind, finden sich für den künftig zentraleren Bereich der Gebäudeerneuerung (Transformation des bestehenden Gebäudeparks) sowie in der eigentlichen Betriebsphase (Phase 6) jedoch noch erhebliche Wissenslücken. Diese Bereiche sind deshalb auch Gegenstand von zwei neuen SIA-Merkblättern: "Energetische Gebäudeerneuerung" und "Betriebsoptimierung", welche aktuell in den SIA-Kommissionen erarbeitet werden.

Doch unabhängig der zur Verfügung stehenden Grundlagen, ist eines klar: Die Verantwortung für die funktionale und ressourcenschonende Qualität nachhaltiger Bauten ist nicht an einen Standard delegierbar, sondern liegt in erster Linie bei den Planern selbst.

Adrian Altenburger hat an der Swissbau Focus Arena zum Thema «Energie im Bau - Herausforderungen im Bestand» teilgenommen. Ein Videointerview mit ihm sowie die ganzen Sendung finden Sie im Eventreport.

Weiterführende Informationen zum Thema finden Sie zudem im Beitrag «Nachhaltiges Bauen und Ohnmacht» in der Ausgabe Wochen 7-8 2013 der Baufachzeitschrift TEC21.

Adrian Altenburger

Adrian Altenburger

Dipl. HLK-Ing. HTL Adrian Altenburger ist Partner/Verwaltungsrat und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Amstein+Walthert AG in Zürich. In seiner Funktion als Bereichsleiter ist er zuständig für die konzeptionelle Beratung und Projektsteuerung für Bauherren, Investoren und Gebäudebetreiber in Fragen der Gebäudetechnik und Energieeffizienz. Adrian Altenburger ist zudem Präsident des SIA-Fachrats Energie.

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Kommentare

  • Severin Lenel sagte:
    28.01.2013 21:29
    Grundsätzlich bin ich mit A. Altenburger einverstanden. Aber wenn er schreibt, dass "die Regeln der Baukunst und die dafür stehenden SIA-Normen und -Merkblätter gerade im Themenbereich des nachhaltigen Bauens oft nur oberflächlich bekannt" seien, so irrt er. Sie sind leider generell kaum bekannt bei den betroffenen Akteuren; das nachhaltige Bauen macht da gar keinen Unterschied. Altenburger als Vertreter der Haustechnik-Planergilde könnte mal bei seinen Kollegen testweise nachfragen, und er wäre wohl erstaunt, wie schlecht das Normenwesen den Planeralltag durchdrungen hat. Vielleicht wäre es intelligenter, mehr an der Diffusion der Werke zu arbeiten als dauernd Neues zu publizieren.