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Warum weniger mehr ist – auch im Nachhaltigen Bauen

Publiziert am 19.12.2012 von Bob Gysin, Gründer und Mitinhaber von BGP Architekten
Chriesbach Wndow

Meinung Pioniere von gestern liefern uns die Erkenntnisse von morgen: Die EAWAG hatte sich für ihr neues Hauptgebäude «Forum Chriesbach» in Dübendorf ein Nullenergiehaus gewünscht. Wir haben dieses Gebäude entworfen, geplant und 2006 fertig gestellt. Die Erkenntnisse, welche wir damals gewonnen haben, sind heute noch gültig.

Das Headquarter der Eawag, einer Aussenstation der ETH, kurz «Forum Chriesbach», steht in einem heterogenen Umfeld in Dübendorf, ein fünfgeschossiges Gebäude mit einer strengen, bläulichen Glaslamellenfassade, wirkt edel und eigenständig. Es bietet Platz für 220 Mitarbeitende und braucht für die Heizung und Kühlung kaum mehr Energie als zwei Einfamilienhäuser. Um ein Bürohaus ohne gängige Heizung zu bauen, wurden Orientierung, Volumetrie, Gebäudehülle, Speichermasse und Sonnenschutz optimiert. So kann der Heizwärmebedarf durch die ohnehin im Gebäude anfallende Abwärme von Menschen, Computern und Beleuchtung gedeckt werden. Was noch fehlt wird durch Erdwärme und Sonnenenergie gewonnen. Der mehrschichtige Aufbau der Fassade zeigt das Zusammenspiel funktionaler und technischer Anforderungen und dessen geglückte, ästhetische Umsetzung. Nachhaltigkeit ist im Forum Chriesbach kein abstrakter Begriff, sondern wird von den Nutzern gelebt und erlebt. So liefern die regenwassergespülten NoMix Toiletten zur separaten Sammlung von Urin dem Wasserforschungs-Institut wichtige Erfahrungswerte zur Anwendung einer vergleichsweise neuen Technologie, während der sparsame Umgang mit sauberem Trinkwasser tagtäglich gelebt wird.

Das daraus entstandene Gebäude der Eawag ist heute Vorbild realisierter Nachhaltigkeit. Und erbringt seit Jahren den Beweis, dass Nachhaltigkeit als Katalysator für Innovation verstanden werden muss.

Für uns eine klare Konsequenz aus dem interdisziplinären Entwurfsprozess, in dem das Gebäude als Gesamtsystem entwickelt wurde und dem Einfluss des wichtigsten Akteurs nachhaltigen Bauens: der Bauherrschaft, die nach dem Grundsatz «lieber Energie einsparen als aufwendig erzeugen» ein Nullenergiehaus bestellt hatte, das «an die Grenzen des Machbaren geht».

Der Blick muss auf das Gesamte des Gebauten gelenkt werden. Auf Konzepte und Strategien, die über das Einzelbauwerk weit hinausragen. Dann gelingt es Erfahrung als Referenzpunkt für gegenwärtige, methodische Ansätze zu betrachten, ohne Gefahr zu laufen, den heutigen Ansprüchen einer zukünftigen 2000 Watt Gesellschaft nicht zu genügen.

Bob Gysin

Bob Gysin

Bob Gysin ist Gründer und Mitinhaber des Architekturbüros BGP Architekten in Zürich. Als CEO des 35-köpfigen Büros ist er im täglichen Architekturdiskurs ebenso involviert wie in Strategie-Entwicklungen zur Nachhaltigkeit oder bei diversen Jurytätigkeiten.

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