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Traditionelle Architektur ist ökologische Architektur

Publiziert am 07.09.2012 von Vittorio Lampugnani, Architekt und Vorsteher des Instituts gta der ETH Zürich
traditionelle architektur

Meinung Ein Haus kann Energie einsparen, indem es für die Beheizung der Räume und des Wassers die geothermisch oder von Sonnenkollektoren erzeugte Wärme benutzt. Doch das sind noch lange nicht alle Möglichkeiten, wie Energie gespart werden kann.

Ein Haus kann Energie auch einsparen, wenn es genau nach der Sonne ausgerichtet wird, wenn alle Räume auf natürliche Weise erhellt werden, wenn die nach Norden liegenden Fenster klein und die nach Süden liegenden gross sind, wenn die Mauern (und natürlich auch die Fenster) wirksam isoliert sind, wenn ein anderes Gebäude oder ein Baum es vor dem kältesten Wind schützen, wenn die Materialien, aus denen es besteht, für ihre Herstellung keine energieaufwendigen Verfahren benötigen. Und ein Haus kann die Umweltbelastung verringern, wenn es sich an einem Ort befindet, wo seine Bewohner nicht gezwungen sind, ständig grosse Entfernungen mit dem Auto zurückzulegen, wenn es nur mit wirklich notwendigen Installationen versehen ist (und nicht etwa mit solchen, die jeden Augenblick und zu jeder Jahreszeit auf vollklimatisierte Räume abzielen), wenn diese Installationen möglichst «sauber» sind, wenn die Räume mit Möbeln und Objekten ausgestattet sind, die nicht periodisch weggeworfen und ersetzt werden, weil sie billig und modisch sind. Das Fazit?

Erstens: die Frage der Ökologie berührt die gesamte Bandbreite des Entwurfs, von der Stadtplanung bis zum Handwerksdesign.

Zweitens: die Frage der Ökologie ist eng mit der des Handwerks verbunden, und wenn dessen Regeln beachtet werden, entspricht das Produkt fast immer den Anforderungen des Umweltschutzes und der Energieersparnis. Denn in der Tat sind der traditionelle Städtebau, die traditionelle Architektur, die traditionelle Inneneinrichtung, das traditionelle Design fast ausnahmslos ökologischer Städtebau, Architektur, Inneneinrichtung und Design. Der Einsatz für die Achtung vor der Natur ist keine Entdeckung unserer Zeit. Er ist eine historische und zivilisatorische Konstante, die heute, auf Grund der gegen die Natur verübten Gewalttaten, zu einem kategorischen Imperativ geworden ist.

Vittorio Lampugnani

Vittorio Lampugnani

Vittorio Lampugnani ist 1951 in Rom geboren und hat ein Architekturstudium in Rom und Stuttgart absolviert. Seit 1980 hat er ein eigenes Architekturbüro; zuerst in Berlin, ab 1994 in Mailand. Von 1990 bis 1995 war er Herausgeber der Zeitschrift «Domus». Von 1990 bis 1994 amtete er als Direktor des Deutschen Architektur-Museums in Frankfurt am Main. Seit 1994 ist er ordentlicher Professor für Geschichte des Städtebaus an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, von 1998-2001 war er Vorsteher des Departements Architektur. Von 2005-2007 war er Vorsteher des Netzwerks Stadt und Landschaft. Seit 2010 ist er Vorsteher des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur (gta).

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Kommentare

  • Christian Zeyer sagte:
    29.10.2012 19:31
    M.E. sollte nicht vergessen werden, dass die Triebfeder für dieses ökologische Verhalten in der Vergangenheit nicht die Überzeugung war, sondern der ökonomische Mangel. Energie und Material waren teuer, weshalb man langlebige Produkte und zentralisierte Siedlungen schuf. Was wir daraus lernen können: Wenn wir diesen Qualitäten wieder mehr Nachachtung verschaffen wollen, darf die ökonomische Komponente nicht vergessen werden: Es braucht (Material- , Energie-) Kosten, die auch die externen Kosten, insbesondere die Kosten der Umweltschäden berücksichtigt.

    Christian Zeyer, Wirtschaftsverband swisscleantech