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Vom Energiesparhaus zum Plusenergie-Stadtteil: die Stadt als Kraftwerk

Publiziert am 05.06.2012 von Steffen Lehmann, AA Dipl., Professor für nachhaltige Gestaltung an der Universität von South Australia in Adelaide
Barangaroo Window

Meinung Die Stadt von morgen muss mindestens die Hälfte ihres Energieverbrauchs selber herstellen. Nullenergiehäuser oder sogar Plusenergiehäuser und -stadtteile sind hierzu erforderlich. Diese sind heute technisch kein Problem mehr, so dass nun die nächste Stufe des Stadtumbaus kommt: die Stadt selbst als Energieerzeuger, als Kraftwerk.

Mit Stadtteilen, die ihre gesamte Energie dezentral selbst erzeugen und dadurch zum Kraftwerk werden, wird der alte Planertraum von unerschöpflicher, sauberer Energie endlich wahr. In der Umsetzung sind die Politik, die Energieversorger, die Hochschulen und die Gesellschaft gleichermassen gefordert.

Die Zukunft der Menschen liegt in der nachhaltigen Stadt. Die integrierte Stadtentwicklung mit einem energetischen und klimabezogenen Schwerpunkt wird in der Zusammenarbeit mit der Politik eine Schlüsselrolle übernehmen, um den Energie- und Ressourcenverbrauch unserer Städte radikal zu reduzieren. Es gilt, das Konzept von «Stadt» weiterzudenken, hin zum Plusenergie-Stadtteil. Dadurch erhalten Städte neue Aufgaben und Handlungsfelder, die entscheidend dazu beitragen werden, die sogenannte «Low Carbon City» umzusetzen, also die Stadt mit niedrigem Kohlendioxidausstoss.

Die Herausforderungen gelten weltweit: die Handlungsnotwendigkeit gilt für alle Städte, auch wenn der Kontext in Australien und der Asien-Pazifik-Region, in Amerika und in Europa jeweils ein anderer sein mag. Die Frage, wie eine klima- und energiegerechte Stadt aussehen soll, stellt sich heute überall. Viele Probleme resultieren aus dem enormen Wachstum der Städte. Im asiatischen Raum stehen die rapiden Wachstums- und Verstädterungsprozesse und die damit zusammenhängenden Migrationsbewegungen im Mittelpunkt. In den USA und in Australien sind es die Strategien zur Bekämpfung und Umkehr der wenig nachhaltigen städtischen Zersiedelung und einer enormen Abhängigkeit vom Automobil. In der Schweiz, in Deutschland und anderen Ländern Europas ist es in erster Linie die energetische Anpassung des Baubestandes und die Optimierung der Material- und Energieflüsse. Städtebau ist hier in erster Linie Bestandspflege, behutsame Nachverdichtung und der sozialverträgliche Umbau der vorhandenen urbanen Strukturen. Der Neubau zählt zu den energieaufwendigsten Sparten der Produktion und des Verbrauchs überhaupt.

Die nachhaltigen Zukunftsmodelle sind mischgenutzte Stadtteile in denen das städtische Leben und Arbeiten miteinander so verbunden ist, dass eine «Stadt der kurzen Wege» entsteht (d.h. die Notwendigkeit, ständig mit dem PKW von einem Ort zum anderen zu fahren fällt weg). Ein gutes Modell, das nun weltweit Nachahmung findet.

Aber selbst wenn wir das Energieproblem vorerst so lösen können, werden die modernen Städte dennoch zusätzlich massiv weitere Ressourcen benötigen. Deshalb ist ein weiterer wichtiger Aspekt das Null-Abfall-Konzept, das einen Stopp der Materialverschwendung in Produktionsprozessen und die 100-prozentige Ressourcen-Rückgewinnung beinhaltet. Abfall wird dabei als wertvolle Ressource angesehen, die nicht verbrannt oder vergraben werden darf, sondern vollständig der Wiederverwendung zugeführt wird. Der Materialverbrauch muss vom wirtschaftlichen Wachstum entkoppelt werden. Null-Abfall, also Zero Waste, sollte somit bereits ganz zu Beginn, bei der Entwicklung von Produkten und Prozessen, berücksichtigt werden; dies verlangt eine bessere Industrie- und Architekturgestaltung, die vorgefertigte Bausteine so kombiniert, dass später wieder problemlos zerlegt und wiederverwendet werden kann.

In punkto Nachhaltigkeit kann ein freistehendes, energieeffizientes Gebäude einem innerstädtischen, nachverdichteten Stadtviertel nicht überlegen sein. Anstatt einzelne Plusenergiehäuser losgelöst aus ihrem städtischen Kontext zu betrachten, ist es deshalb notwendig, diese Gebäude im Zusammenhang mit den für ihre Nutzung notwendigen Energieaufwendungen zu bewerten. So ist beispielsweise ein Plusenergiehaus weit ausserhalb der Stadt immer weniger effizient, da die Aufwendungen für Erschliessung, die langen Wege zum Einkaufen und für sonstige Tätigkeiten des täglichen Bedarfs eingerechnet werden müssen. Das Wohnen in der nachverdichteten Innenstadt ist deshalb immer vorteilhafter, da es ein ressourcenschonenderes Wohnen ermöglicht (insbesondere wenn sich Stadtteile weigehend selbst mit erneuerbarer Energie versorgen).

Bisher wurde in Australien, trotz idealer Bedingungen (jede Menge Sonne, Wind und Biomasse) nur etwa zehn Prozent des gesamten Strombedarfs durch erneuerbare Energieerzeugung gedeckt. Der Regierung fehlt oftmals der Wille zu mehr und die Kohle-Lobby ist zu allmächtig. Doch dies beginnt sich nun langsam zu ändern. Ein Plusenergie-Stadtteil entsteht zur Zeit in Sydney, im innerstädtischen Hafenviertel Barangaroo. Hier wird bis 2018 ein nutzungsdurchmischtes Quartier entstehen, das durch Solaranlagen und Kraft-Wärme-Kopplung (tri-generation Technologie) einen Grossteil seiner Energie selbst produzieren wird (Siehe Bild). Etwa die Hälfte des 22-Hektar grossen Areals wird in öffentlichen Raum umgewandelt, mit einer Parkanlage und Wassertaxi-Haltestellen. Das neue Hafenquartier wird hervorragend an den bestehenden öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen und zur Wohnaddresse für 23'000 Menschen werden. Die erneuerbare Energieerzeugung im Stadtteil steht im Mittelpunkt, der Energieüberschuss wird ins Netz eingespeist. Weitere Informationen zum Thema finden Sie in den Publikationen von Dr.-Ing. Steffen Lehmann.

Steffen Lehmann

Steffen Lehmann

Dr.-Ing. Steffen Lehmann, AA Dipl., ist Professor für nachhaltige Gestaltung an der Universität von South Australia (UniSA) in Adelaide und Leiter des UNESCO-Lehrstuhls für Nachhaltige Stadtentwicklung in Asien und der Pazifikregion. An der UniSA leitet er das Research Centre for Sustainable Design and Behaviour (sd+b Centre). Seit 2006 ist er Editor-in-Chief des Journal of Green Building. In den 90er Jahren war er unter anderem an der Gestaltung des Potsdamer Platzes, des Hackeschen Markts sowie der Französischen Botschaft in Berlin massgeblich beteiligt. Forschung in: Rapide Urbanisierungsprozesse asiatischer Städte; urbane Transformation zur Low Carbon City. Weitere Informationen unter: www.slab.com.au

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