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Zweitwohnungen – Chancen nutzen statt lamentieren

Publiziert am 15.05.2012 von Raimund Rodewald, Leiter Stiftung Landschaftsschutz Schweiz
Rustici 2 Window

Meinung Herr Anastasia präsentiert (Beitrag vom 20. April 2012) die alten Argumente gegen die nun verfassungsmässige Zweitwohnungslimite. Mit Superlativen, wie Gefährdung von «10'000 Arbeitsplätzen im Baugewerbe», «volkswirtschaftlich verheerend» und gar «Umweltkatastrophe», zu klagen, ist aber reichlich unglaubwürdig. Es gilt vielmehr zu betonen, dass die Gebirgskantone beim Zweitwohnungsbau das Augenmass verloren haben und sämtliche Kritiken in den Wind schlugen.

Die Baubranche profitierte, es wurde genügend eingezont und im Tessin sind Tausende Ferienhäuser aus ehemaligen Rustici entstanden. Es schien sich niemand daran zu stören, dass die Landschaft verbaut und das Kulturgut der alten bäuerlichen Streusiedlungen in banalisierter Weise ausgehöhlt wurde.

Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) hatte bereits 2007 dem Parlament einen Vorschlag für eine «Lex Zweitwohnungen» vorgelegt. Das Parlament wollte jedoch nichts von diesen Vorschlägen wissen. In dem kürzlichen Hearing vor der Arbeitsgruppe Zweitwohnungen haben wir betont, dass wir uns Ausnahmen von der 20%-Grenze zur Erhaltung und Revitalisierung von historischen Ortskernen/ISOS-Objekten in strukturschwachen Gebieten vorstellen können. Dort soll die Zweitwohnungsnutzung in bestehenden historischen Bauten mit einer Instandstellungspflicht verbunden sein. Gleiches könnte man sich auch für Maiensässe, also Gruppensiedlungen mit Wohnbauten, vorstellen. Bedingung wäre hierfür auch eine Bewirtschaftungspflicht oder –abgabe für die Landschaft.

Für verstreut gelegene Stallbauten, wie die zahlreichen Rustici, sehen wir keine Ausnahmemöglichkeit von der 20%-Grenze, da solche Umbauten aus Sicht Naturgefahren, Landschaftsschutz und Erschliessung grundsätzlich nicht erwünscht sind.

Weitergehende Ausnahmen sind aber abzulehnen.

Drei Top-Touristiker, Guglielmo L. Brentel, Präsident von Hotelleriesuisse, Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus, und der Tourismusberater Ernst A. Brugger, sehen die Zweitwohnungsinitiative als grosse Chance und präsentierten kürzlich ein Strategiepapier. Sie sparen nicht mit Kritik an der bisherigen Zweitwohnungspolitik. Von «Erosion in der Hotellerie» und «wenig wirtschaftlichen Multiplikatoren» ist da die Rede, der Zweitwohnungsbau habe die Probleme des Tourismus «übertüncht». Das prominente Trio ist überzeugt, dass die Annahme der Zweitwohnungsinitiative «Chancen einer strategischen Neupositionierung» birgt.

Also bitte kein Lamento mehr, sondern konstruktive Ansätze sind gefragt!

Der Swissbau Focus Blog diskutiert wichtige Fragestellungen in einem offenen und kontroversen Dialog. Mehr zur Haltung des Tessiner Baumeisterverbandes zur Frage der Rustici erfahren Sie im Beitrag von Vittorino Anastasia vom 20. April 2012.

Raimund Rodewald

Raimund Rodewald

Raimund Rodewald, Dr. phil. Biol., Dr. h.c. iur. promovierte in Pflanzenbiologie an der Universität Zürich. 1990 trat er die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters bei der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) in Bern an, deren Leitung er seit 1992 inne hat. Seit 2006 ist er Gastdozent für Landschaftsästhetik am Institut für Natur-, Landschafts- und Umweltschutz (NLU) der Universität Basel. Raimund Rodewald erhielt im November 2008 den Ehrendoktor der juristischen Fakultät der Universität Basel.

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