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Explodierende Metropolen als Herausforderung

Publiziert am 03.05.2012 von Christian Albrecht, Raumplaner und Vorstandsmitglied des FSU
Casablanca Window

Meinung Ein Blick über den europäischen Städtebau hinaus ist für das Verständnis der zukünftigen Herausforderungen in der Stadtentwicklung hilfreich. Heute leben mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Im Jahre 1800 gab es eine Millionenstadt auf dem Globus und 1900 waren es erst deren fünfzehn. Heute zählen über 450 Städte mehr als eine Million EinwohnerInnen.

In zehn Jahren wird voraussichtlich die 500er Grenze der Millionenstädte überschritten sein und alle Kontinente werden Grossagglomerationen mit 20 oder 30 Millionen EinwohnerInnen beherbergen.

Die Städte in Afrika, Asien und Indien wachsen überdurchschnittlich; unvergleichbar mit Europa. Casablanca ist in 100 Jahren von einer 20’000-Seelenstadt zur heutigen 5 Millionenstadt gewachsen. Die Wirtschaftsmetropole wächst im Jahr um 55'000 EinwohnerInnen, was den Bau von 750'000 bis 1 Millionen neue Wohnungen bis ins Jahr 2030 bedeutet. Für Afrika ist es immer noch ein bescheidenes Wachstum.

In Marokko sind über 20 Neustädte, sogenannte «ville nouvelle», in Planung oder bereits im Bau, welche dem Anspruch an eine nachhaltige Stadtentwicklung gerecht werden wollen. In der Agglomeration von Grand-Casablanca entsteht zwischen Casablanca und Mohammedia, als eines von mehreren und grösstes Entwicklungsgebiet, am Meer eine Neustadt, die «ville nouvelle de Zenata» für über 300'000 Einwohner auf 2400 Hektaren. Das Gebiet ist von opportunistisch gewachsenen Industriegebieten gefasst, durch Grossinfrastrukturen zerschnitten, die Grundstücke sind teilweise durch industrielle Altlasten kontaminiert oder durch Bidonvilles besetzt. Geplant ist eine EcoCité.

Entsprechend anspruchsvoll für die Stadtplanung ist der Umgang mit Gegensätzen, Wiedersprüchen und Dualitäten. Reich und Arm, die geplante Stadt und spontane urbane Nebenprodukte der Metropole prallen aufeinander und es ist ein funktionierendes Nebeneinander aufgrund ihrer Abhängigkeiten zu gestalten.

Diese Neustädte werfen viele oft noch unbeantwortete Fragen auf: Werden diese nachhaltigen Öko-Städte ihrem Namen gerecht? Entstehen mit diesen Stadterweiterungen zukunftsweisende Vorzeigestädte, moderne Zukunfts-Citys, zukünftige Ghettos oder urbane Altlasten? Erlauben sie die enorme und anhaltende Nachfrage an Wohnraum zu bewältigen? Sind diese Stadtentwicklungen eine Neuinterpretation der eigenen Kultur oder eine Kopie von westlichen Werten? Werden sie den wandelnden Bedürfnissen einer Gesellschaft im Umbruch gerecht?

Sicher ist eines: Die Herausforderungen für den zukünftigen Städtebau liegen ausserhalb von Europa. Hier sind auch die entscheidenden Weichen für eine zukunftsfähige Stadt zu stellen.

Christian Albrecht

Christian Albrecht

Christian Albrecht, Stadt- und Raumplaner, ist Vorstandsmitglied des FSU Fachverband Schweizer RaumplanerInnen. Er denkt und lebt Stadt. Er lebte in Dresden, China und Frankreich. Nach über zehn Jahren wirken in der Schweiz lebt er seit 2010 in Rabat.

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