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Waldstadt Bremer - Stadt statt Wald?

Publiziert am 12.04.2012 von Christine Seidler, Projektleiterin bei Bauart Architekten und Planer AG
Bremer Window

Meinung Seit 150 Jahren nimmt die Waldfläche in der Schweiz zu. Das ist der Erfolg der strengen Waldgesetzgebung – und das soll auch so bleiben. Im Bezug auf das Kulturland ist die Bilanz erschreckend gegenteilig. Pro Sekunde wird 1.5 m2 fruchtbarer Boden versiegelt. Unwiderruflich.

Landschaften werden zerstört, zerschnitten, verschandelt und letztendlich entziehen wir uns selbst unsere Existenzgrundlage. Ursache dafür ist nicht etwa ein fehlendes Raumplanungsgesetz. Das schweizerische Raumplanungsgesetz verlangt einen haushälterischen Umgang mit Boden und die geordnete Besiedlung des Landes. Die Realität ist weit davon entfernt; unser Raumplanungsgesetz krankt am Vollzugsdefizit. Das Raumplanungsgesetz wird mit Baurecht und damit dem Recht zu Bauen, verwechselt. Die individualisierte und arbeitsteilige, pendelnde Gesellschaft hat keinen Bezug mehr zur Lebensgrundlage Boden. Fehlende Mehrwertabschöpfungen führen zu überdimensionierten Einzonungen und Baulandhortung - inklusive Spekulation. Die Raumordnung ordnet sich der Wirtschaftspolitik unter, die Politik den wirtschaftlichen Interessen. So hat Raum keine Lobby. Kurz und gut, die Schweizerische Raumentwicklung ist nicht nachhaltig. Die Zersiedlung des Landes schreitet ungebremst fort, Baulandeinzonungen sind am falschen Ort. Der Siedlungsdruck und Flächenverbrauch steigt. Innere Verdichtung gilt als Zauberwort und als anzustrebende Lösung. Nur manchmal fehlt das Potential dafür. In Bern beträgt dieses rund 700 Hektaren, nur rund die Hälfte davon ist vorhanden.

Dem soll die geplante Stadterweiterung «Waldstadt Bremer» entgegenwirken. Das Projekt ist ein Modell für eine nachhaltige Stadterweiterung von Bern. An zentraler und bevorzugter Lage sollen 6'000 bis 8'000 neue Einwohnerinnen und Einwohner im Norden der Bundesstadt attraktive Wohnmöglichkeiten finden.

Das zusätzliche Wohn- und Arbeitsflächenangebot auf einer Arealfläche von 428‘000 Quadratmetern entspricht einem nachgewiesen Bedarf an qualitativ hochstehendem Wohnraum in der Stadt Bern. Denn trotz verschiedener Versuche ist es in den letzten Jahren nicht gelungen, geeignete Areale für den Bau von dringend benötigten Wohnungen auf dem Stadtgebiet zur Verfügung zu stellen. Die Identifikation eines neuen Grundstücks am Nordrand der Stadt zeigt für Bern konkrete und machbare Auswege aus den aktuellen Planungsblockaden und macht zumindest eine teilweise Behebung des Mangels an geeignetem Bauland im Stadtgebiet für grössere Wohnbauprojekte möglich.

37 Hektaren des Projektperimeters sind «Bremerwald». Bremer bedeutet im Volksmund der Bremgartenwald. Der grosse Bremgartenwald ist unbestritten eines der wichtigsten Naherholungsgebiete der Stadt Bern. Dieses wurde jedoch durch den Bau der Autobahn zerschnitten und in zwei ungleiche Bereiche geteilt. Der durch die Autobahn abgeschnittene Teil bildet das Reststück von ca. 42 Hektaren. Dieser Streifen formiert den Abschluss der Länggasse, eines dicht besiedelten, lebendigen Stadtquartiers. Die Infrastruktur ist bereits vorhanden, muss lediglich verlängert und ergänzt werden. Die Defizite des bestehenden Quartiers können mit der Stadterweiterung ausgeglichen werden. Die Waldstadt ist hervorragend an die Stadtmitte und den öffentlichen Verkehr angebunden. Die Stadterweiterung wird nicht ausufern können, ihre Begrenzung ist die Autobahn. Diese wird überdeckt, der Bremgartenwald damit wieder direkt an den Stadtkern angebunden und zugänglich. Für die gerodeten Flächen wird an ökologisch wertvollen Standorten Ausgleich geschaffen. Das Projekt stärkt die Kernstadt Bern als Wohnstadt und versteht sich als konkreten Beitrag gegen die Zersiedlung. Die visionäre Idee ist ein Experimentierfeld für verschiedene aktuelle und brisante raumplanerische Themen wie etwa «Bauen am richtigen Ort» sowie «Waldrodung und Ersatz».

Mit Waldstadt Bremer wird nicht das strenge Waldgesetz in Frage gestellt, dieses jedoch der Notwendigkeit einer umfassenden raumplanerischen Interessenabwägung gegenüber gestellt. Denn unter ökologischen Gesichtspunkten kann nur gelten: Wenn für Stadterweiterungen schon unbebautes Gebiet in Anspruch genommen werden muss, dann dort, wo es am wenigsten Fläche kostet und den geringsten ökologischen Fussabdruck hinterlässt.

Christine Seidler

Christine Seidler

Christine Seidler, BSC FHO Engineering in Raumplanung, arbeitet als Projektleiterin bei Bauart Architekten und Planer AG. Bauart ist ein schweizweit führendes Architekturbüro für die Entwicklung, Begleitung und Umsetzung kreativer, innovativer und anspruchsvoller Ideen. Die Projektidee Waldstadt Bremer wurde vom Büro Bauart lanciert. Christine Seidler engagiert sich nicht nur als Projektleiterin von Waldstadt Bremer für eine zukunftsfähige und verantwortungsvolle Raumplanung, sondern setzt sich auch seit rund 20 Jahren als aktive Politikerin und Gemeinderätin der Stadt Zürich für eine realisierte wirtschaftliche, soziale und ökologische Nachhaltigkeit ein.

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