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Das Dorf ist tot

Publiziert am 04.04.2012 von Benedikt Loderer, Stadtwanderer
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Meinung Was ein Dorf ist, weiss man. Der Schweizerknabe, der ich einmal war, entnahm diese Gewissheiten dem SJW-Heft Nr. 18. «Die Pfahlbauer am Moossee», erzählt vom Grosspädagogen Hans Zulliger. Im Pfahlbauerdorf war das Leben noch echt, lernte der Schweizerknabe.

Es war bewohnt von einem Stamm. Der lebte von der Jagd, von Viehzucht und Ackerbau. Alle hatten denselben Beruf, sie waren Bauern. Nur der Töpfer, der Schmied und der Druide hatten andere Aufgaben. Alle Pfahlbauer hatten denselben Glauben. Der Häuptling führte seinen Stamm mit Weisheit, Gerechtigkeit und Strenge. Die Pfahlbauer waren die ersten freien Schweizer. Alle waren friedlich und zufrieden, bis die Fremden auftauchten. Die steinzeitlichen Pfahlbauer am Moossee wurden von Kelten vertrieben, die stärker waren, weil sie bereits Broncewaffen hatten.

Unterdessen ist aus dem Schweizerknaben ein Stadtwanderer geworden. Der betrachtet das Pfahlbauerdorf aus heutiger Sicht und stellt fest: Es ist eine Erfindung, ein Konstrukt. So möchten auch wir leben, so echt, so ehrlich und so natürlich. Der Rousseau in uns will zurück zum Ursprung. Das Dorf ist nicht eine Siedlungsform, sondern ein Sehnsuchtsapparat. Wir haben es unterdessen aus der Broncezeit heraus destilliert und in einem nebligen Früher angesiedelt. Die Sehnsucht will nichts genau haben, sie erträgt keine Tatsachen. Darum begnügen wir uns mit einer mythischen «Käserei in der Vehfreude» oder mit der Sage vom Landidörfli. Denn in unserem Herzen wissen wir genau wie das richtige Dorf einmal war. Es hat alle Eigenschaften des Pfahlbauerdorfs geerbt. Es ist - darf man das heute noch schreiben - reinrassig. Der Stamm ist eine Brutgemeinschaft und das erste und wichtigste Gesetz der Brutgemeinschaft regelt, wer dazu gehört und wer nicht: ich, du, der Stamm, zusammenfassend: Wir gegen die Fremden.

Nur das mythische Dorf ist wirklich
Im Dorf gibt es einen sicheren Bezirk, das Drinnen und eine feindliche Welt, das Draussen. Die Dorfbewohner sind Selbstversorger, sie brauchen keine Zufuhr von aussen. Visperterminen im Wallis, wurden dem Schweizerknaben beigebracht, erreichte einst diese Autarkie. Dort gab es Wein, Getreide, Wolle, Milch, Käse und Fortpflanzung. Kein Bewohner musste je das Dorf verlassen. Hatte Aschi Neuenschwander, der Primarlehrer verdrängt, dass die Visperterminer als Rucksackbauern bei Lonza in Visp arbeiteten? Ach, die Wirklichkeit hätte nur gestört. In der Vehfreude unseres Sehnens lebten nur Bauern und die wenigen Spezialisten, die es eben brauchte wie Krämerin, Pfarrer und Hufschmied. Alle waren rechtgläubig, katholisch zum Beispiel. Das mythische Dorf brauchte auch einen König, denn im Dorf herrschten Ruhe und Ordnung. Selbstverständlich war es trotzdem urdemokratisch. Der Stamm, das waren die Angestammten, sie bilden eher eine grosse Familien als einen freiwilligen Zusammenschluss von Gleichberechtigten. Der Gemeindeammann schaute zum rechten und sorgte vor. Diesen Sehnsuchtsapparat Dorf gibt es heute noch in den Köpfen und Herzen der Landschwärmer, die das Dorf mit ihrer Seele suchen und daher aufs Land ziehen wollen.

Es gibt also einerseits das Dorf als Siedlungsform und sozialen Verband und andererseits das Dorf als Sehnsuchtsapparat und Mythos. Und seltsam, das Wachsen des mythischen förderte das Aussterben des sozialen. Das ursprüngliche Dorf ist leider verdorrt und heute mausetot. Es ist nach längerer Leidenszeit überfahren worden, ist dem Automobil erlegen. Das Auto war der Träger, der die heimtückische Krankheit auf dem Land verbreitet hat, die Hüslipest. An ihr ist das Dorf verendet. Wer das Dorfsterben ergründen will, muss mit der Hüslipest beginnen.

Die Hüslimoral
Vor dem Automobil, in der Schweiz bis 1950 waren die Verhältnisse noch einigermassen übersichtlich. Die Guisan-Schweiz war ein unabhängiger, ewig neutraler, demokratischer Kleinstaat. Der ererbte Gegensatz von Stadt und Land war noch in Betrieb. Man wusste überall, ob man sich in der Stadt oder auf dem Land befand.

Dann geschah etwas Umwälzendes: der Wohlstand brach aus. Er schenkte den Schweizerinnen die Waschmaschine, den Staubsauger und den Kühlschrank, dem Schweizer die Ölheizung und das Automobil, der Familie Ferien in Rimini. Die karge, sparsame, selbstgenügsame Guisan-Schweiz bestand zwar zäh noch weiter, aber sie hatte nun eine Konkurrentin neben sich, die Konsum-Schweiz. Die Guisan-Schweiz schrumpfte, trocknete ein, zerbröckelte, während die Konsumschweiz wuchs, blühte, erstarkte. Heute verteidigen wir nicht länger unsere Unabhängigkeit, sondern unseren Wohlstand. Das ist die Kurzzusammenfassung der Schweizergeschichte von 1950 bis 2010.

Das verlockende Programm der Konsum-Schweiz lautete: Mittelstand für alle! Der Wirtschaftskuchen wuchs, also kriegten alle ein grösseres Stück davon. Der neue Wohlstand fuhr mit dem Auto umher, das Ausschwärmen wurde möglich. Die Landschwärmer gerieten in Bewegung. Sie hatten ein Vorbild: The Americam Way of Life, dort konnten sich, so ging die Sage, auch einfache Arbeiter ein Auto und ein Haus leisten. Doch das Einfamilienhaus war nicht nur eine Wohnform, es war auch ein Lebensprogramm, geprägt von der Hüsliideologie. Wer in grauer Städte Mauern in einer dumpfen Mietskaserne aufwächst, wird kein rechter Schweizer. Nein, nur im Hüsli kann beginnen, was leuchten soll im Vaterland. Das Grün ums Hüsli ist der Gesundbrunnen der Nation, das Einfamilienhaus das Glücksgefäss der Kernfamilie, der Hausbesitz das ethische Fundament des Staates. Waren bei Haller die Bergler moralisch besser, so sind es nach 1950 die Hüslimenschen. Sie sind gesund, naturliebend und staatstragend.

Das Dorf war nun erreichbar. Es kamen Leute, die die Dörfler Städter nannten. Sie brachten die Hüsliideologie aufs Land. Einen entscheidenden Unterschied gab es nun im Dorf, den zwischen den Alten und den Neuen, zwischen den Produzenten und den Konsumenten, zwischen den Leuten die vom Land und denen die auf dem Land leben. Das wird deutlich, wenn man beobachtet, wie beide ihre Häuser auf ihre Grundstücke setzten. Die Bauern hielten sich an betriebswirtschaftliche Regeln. Sie versuchten, ob Streusiedlung oder Strassendorf, möglichst wenig vom fruchtbaren Land zu verbauen, denn das war ihre Lebensgrundlage und ihr wichtigstes Produktionsmittel. Nie vergeudeten sie ihr Land. Die Hüslimenschen hingegen stellten ihre Häuser nach Eigentümerregeln mitten aufs Grundstück. Ihr Land ist ein Konsumgut, kein Produktionsfaktor. Sie produzieren nichts.

Die falschen Dörfler Falsch, das Hüsli produziert durchaus etwas, es stellt Naturgenuss her. Die Landschwärmer habe ihre Lektion gelernt: Nur privater Naturgenuss ist richtiger. Das Hüsli ist der Motor der grossen Maschine, die den Naturgenuss im Dorf ermöglicht. Damit entstand eine ganz neue Lebensform. Drei Anzeichen trügen nie: Wo das ohrensägende Geräusch eines Rasenmähers zu hören ist, wo pflegeleichte Cottoneaster wuchern und wo Thujahecken die Nachbarn trennen, da ist Hüsliland, da dient der Boden dem Naturgenuss, da ist die Hüslipest im Dorf angekommen. Sie frisst das Land. Der Landschwärmer zerstört, wofür er schwärmt, er macht aus dem Land Agglomeration.

Das Dorf als eine Gemeinschaft von Urproduzenten ist verschwunden. Der Sehnsuchtsapparat hat es ersetzt. Als nach Jahrzenten der Hüslibauerei das ersehnte Dorf in überbauten Quadratmetern und in Millionen Franken Baukosten messbar wurde, wollte die Hüslimenschen ihr Werk nicht akzeptieren. Statt nüchtern festzustellen, wir sind Agglomeriten, verweigern sie sich der Wirklichkeit und behaupten wider besseres Wissen: wir sind Dörfler. In Tat und Wahrheit haben die zugezogenen Städter die Dörfler verdrängt und haben überall städtische Lebensformen eingeführt. Die Brutgemeinschaft des Dorfes war den Städtern nicht gewachsen. Die Verwandtschaft wurde durch Nachbarn abgelöst, der Schwarm ersetzte den Clan. Der Stamm ist erloschen, «reinrassig» ist ein verbotenes Wort, doch wohnen wenigstens die anständigen Leute hier. Das Grundgesetz «Wir gegen die andern» gilt allerdings immer noch. Es heisst heute Gemeindeautonomie und Steuersatzverteidigung. Immerhin, jeder der Geld genug hat ist als ein Beitrag zum Steuersubstrat willkommen. Autark allerdings ist das Agglodorf längst nicht mehr. Die beiden Beizen sind längst verschwunden, der Metzger, der Bäcker und der Dorfladen haben zu gemacht, wer kein Auto hat, verhungert. Die wenigen übriggebliebenen Bauern sind eine kleine, allerdings gewichtige Minderheit, doch ihre Steuern zahlen nicht einmal die Lehrerlöhne.

Hüsli und Auto sind eins. Sieben Jahre seines Lebens verbringt der Hüslimann im Auto. Die Spezialisten im Agglodorf sind heute Treuhänder, Therapeutinnen, Betreiber von Massagesalons. Noch hat das Agglodorf eine katholische Kirche, doch die ist leer. Einen Pfarrer gibt’s längst nicht mehr. Der Dorfkönig ist noch da. Die Agglomeriten wählen ihn stramm und erwarten im Gegenzug die Optimierung des Finanzausgleichs. Die Finanzen der Gemeinde sind gesund, das Steuersubstrat tut seine Pflicht.

Die moralische Wirkung des Hüslis bestätigen sich die Hüslimenschen gegenseitig, allerdings ohne Erfolgskontrolle. Der Naturgenuss macht die Familie friedlich und froh, das intensive Grün die Kinder gesund und hochbegabt, der nahe Wald führt zu selbstverantwortlichen Vätern und sparsamen Gemeinderäten. Die Hüslimenschen sind die staatstragende Schicht. Doch wo ist das Dorf? Der nüchterne Blick erkennt: Das Pfahlbauerdorf ging an den überlegenen Broncewaffen zugrunde, das Bauerndorf am Auto. Die Autonomie ist eine Frage der Erreichbarkeit, denn die mystifizierte «Dorfgemeinschaft» war nichts als ein Mangel an Mobilität. Die Bauern sassen fest. Wer erreichbar ist, wird kolonisiert. Genau das ist dem Land auf dem Land geschehen. Die Städter haben das Land erobert und haben es mit ihren Autos und Hüsli konsumiert. Den alten Gegensatz von Stadt und Land und die alte Beschwichtigungsformel «Stadt und Land mitenand» gibt es nicht mehr. Die Unterschiede der Lebensformen wurden gründlich eingeebnet, Kleider, Sprache, Werte, alles ist städtisch, genauer agglomeritisch. Alle starren jeden Abend in die gleiche Röhre. Zusammenfassend: Die Agglomeration reicht so weit wie das Auto fährt. Darin sitzen die Landkonsumenten, die den Produzenten schrittweise den Boden entziehen. Das Land wird ausgesaugt, sprich kolonisiert. Das Hüsli ist die Krankheit des Landes.

Benedikt Loderer

Benedikt Loderer

Benedikt Loderer studierte nach einer Bauzeichnerlehre Architektur an der ETH Zürich, wo er auch doktorierte. Nach seinem Studium ging er bald in den Journalismus. Für die Redaktion des Tagesanzeigers schrieb er Berichte als Stadtwanderer und Architekturkritiker. 1988 gründete er Hochparterre, die Zeitschrift für Architektur und Design, deren Chefredaktor er von 1988 bis 1997 war. 2010 pensionierte sich Benedikt Loderer als Redaktor. Seither frönt er dem Stadtwandern als Hobby.

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