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Solare Architektur: Wie lassen sich Gebäude ökologisch sinnvoll und ästhetisch ansprechend gestalten?

Publiziert am 19.01.2012 von Reto Miloni, dipl. Architekt ETH SIA
Solarschiebeladen Window

Meinung Jedes Zeitalter entwickelt entsprechend den Bedürfnissen technologische Errungenschaften für seine Zeit: Die Moderne brach mit dem historischen Mummenschanz eines Neo-Klassizismus, weil er dem Zeitgeist und den technologischen Möglichkeiten des Industriezeitalters nicht mehr entsprach. Die industrielle Produktion von Stahlprofilen führte in den rasch wachsenden Städten der USA zu einer neuen Architektur, welche – dem Schlachtruf «Form follows Function» eines Louis Sullivan folgend – zu urbaner Verdichtung und zum Hochhaus-Boom führte.

Die klassische Moderne löste massive, lastabtragende Wände in tragende und trennende Bauteile auf und der Siegeszug des Floatglases besiegelte den Triumph der Vorhangfassade.

Energie- und Umweltkrisen müssten aktuell zur Einsicht führen, dass Gebäude nicht mehr nur Quell' von Wohlbefinden und Selbstdarstellung sein sollten, sondern «Kraftorte» und «Kraftwerke», die ihre Umwelt durch die verbauten Materialien kaum mehr belasten und tendenziell auf keine externe Energieversorgung mehr angewiesen sind. Konsequenterweise müssten sich Architekten und Ingenieure im Nach-Fukushima-Zeitalter fragen, was ihre Bauwerke leisten und nicht so sehr, wie sie ausschauen. Angewandt auf Louis Sullivan hiesse die Metapher heute «Form follows Climate».

Primär geht es um Verlust-Minimierung: 75% des Weltenergieverbrauches entfallen auf Städte und zu rund 40% auf Niedertemperaturwärme für Heizung und Warmwasser in Gebäuden. Das Spielfeld für passive Gebäudetechnologien zur Verlustminimierung ist hier evident und die Schweiz ist hier mit der Lancierung des Labels MINERGIE und den aktuellen MuKEn-Vorschriften bereits gut unterwegs.

Sollen indessen Gebäude in Zukunft nicht mehr nur energetisch und ökologisch sinnvoll, sondern auch ästhetisch ansprechend gestaltet werden, geht es vermehrt um Solar-Integration statt nur um Gebäude-Isolation und Komponenten-Addition.

Solaranlagen – ob thermisch oder photovoltaisch – sind nicht nur im Stile von Auto-Skiträgern geist- und lieblos auf Gebäude aufzuständern, sondern multifunktional in deren Hülle zu integrieren. Auch ist am Gebäude erzeugte Energie nicht notwendigerweise ins Netz zurückzuspeisen (vor allem solange die Elektrizitätswerke dafür lächerliche Vergütungen für die Netzentlastung bezahlen), sondern auch dezentral zu speichern.

So wie die industrielle Massenproduktion von Stahl und Glas einer modernen Architektur vor über 100 Jahren den Weg geebnet hat, eröffnet eine nicht mehr notwendigerweise auf gerahmte Standard-PV-Module beschränkte Solartechnologie nahezu grenzenlose Integrationsmöglichkeiten in der Architektur. Die Angebotsvielfalt bei Solarkollektoren, PV-Modulen und flächenhybriden Kombi-Lösungen erweitert die Gestaltungsspielräume für Architekten enorm: Dach- und Fassadenintegrationen im opaken Bereich, Oberlichter, Vordächer, Parkplatzüberdachungen, Korridore, Pool-Überdachungen, Wintergärten, Gartenhallen, Tankstellen, Wartehallen, Windschutzanlagen erhalten multifunktional inspirierende Lösungen mit PV für Klimaabschluss, Beschattung, Beleuchtung und dezentrale Energieproduktion. Damit gelingt am Gebäude mit integrierter Solartechnologie, was ein Vitruv vor 2'000 Jahren als Hauptanforderungen an die Architektur stellte: Firmitas (Festigkeit), Utilitas (Nützlichkeit) und Venustas (Emotion, Schönheit).

Reto Miloni hat im Rahmen der Swissbau Focus Arena «Energie im Bau – Herausforderungen im Bestand» ein Videointerview zur solaren Architektur gegeben. Schauen Sie sich das Videointerview im zugehörigen Eventreport an und erfahren Sie noch mehr zum Thema.

Reto Miloni

Reto Miloni

Reto P. Miloni ist dipl. Architekt ETH SIA. Das Büro Miloni & Partner in Wettingen existiert als unabhängiges Planungs- und Architekturbüro seit 1994 und unterstützt die Kunden im Bereich Energiekonzepte und Architektur. Für seine Bauten mit Passivhaussystem und ausgeklügelter Nutzung der Solarenergie hat Reto Miloni bereits zahlreiche Preise gewonnen.

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