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Ausnützungsbonus für energetische Sanierungen

Publiziert am 09.01.2012 von Beat Kämpfen, Geschäftsleiter des Architekturbüros kämpfen für architektur ag in Zürich
Minergie P Sanierung Window

Meinung Die energetische Sanierung des Bauwerks Schweiz kommt nicht vom Fleck: trotz vielen Weiterbildungsangeboten, unterschiedlichen Subventionstöpfen und ständiger Medienpräsenz. Die Sympathien sind gross, doch im konkreten Fall obsiegen die Hemmnisse: überforderte Architekten und Fachplaner, ängstliche Bauherren, widersprüchliche Vorschriften und unflexible Behörden.

Als Folge wird unser Land von einer Abbruchwelle überrollt; der Ersatzneubau ist einfacher als der Umbau.

Alleine über die Energieersparnisse rechnet sich die energetische Sanierung einer Liegenschaft nicht. Die Fördergelder decken nur wenige Prozente der Gesamtkosten und werden als reine Mitnahmesubventionen abgeholt. Bis heute sind nur gerade sechs Sanierungen von Mehrfamilienhäusern mit einem Minergie-P oder Minergie-A Label zertifiziert worden (Bild: Nach Minergie-P umgebautes MFH Zürich-Höngg, Schweizer Solarpreis 2010). Wenn wir die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft erreichen wollen, muss der Anteil der energieeffizienten Sanierungen schnell und massiv angehoben werden. Höhere Subventionen sind nicht bezahlbar, gratis zu haben ist hingegen ein Ausnützungsbonus für die energieeffiziente Sanierung. Ein solcher Bonus ist vergleichbar mit dem Instrument der Arealüberbauung, welches unter der Voraussetzung einer Mindestgrösse des Areals sowie einer guten Gestaltung eine bisweilen riesige Mehrausnützung zulässt. Ich schlage deshalb folgenden Satz für unsere Baugesetze vor:

Die Sanierung eines bestehenden Mehrfamilienhauses nach Minergie-P oder Minergie-A wird mit einem zusätzlichen Geschoss (oder der entsprechenden Fläche) belohnt.

Der vorgeschlagene Bonus für die energetische Sanierung bewirkt eine Vielzahl von positiven Effekten. Der ökonomische Anreiz für die Bauherrschaft ist offensichtlich, für die öffentliche Hand entstehen keine Kosten und die sanierten Bauten fallen optisch als Trendsetter auf. Technisch wird die tiefgreifende energetische Sanierung vereinfacht, da der Altbau mit Neubauteilen ergänzt wird. Hinsichtlich grauer Energie schneidet der Umbau gegenüber dem Ersatzneubau viel besser ab und führt erst noch zu spannenderen Wohnungen und einem vielfältigeren Stadtbild. Ganz nebenbei wird so der bestehende, gut erschlossene Siedlungsraum verdichtet und damit ein weiteres Postulat für die Energiewende erfüllt. Ich bin überzeugt, dass diese einfache Forderung eine grosse und schnelle Wirkung auf die energetische Sanierung des Bauwerks Schweiz erzielen wird!

Beat Kämpfen

Beat Kämpfen

Beat Kämpfen, M. A. UC Berkeley, dipl. Arch. ETH/SIA, ist Geschäftsleiter der kämpfen für architektur ag in Zürich. Er ist Präsident der Kommission für das SIA-Merkblatt 2047 „Energetische Gebäudeerneuerung“.

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Kommentare

  • Erik Pfeiffer sagte:
    18.01.2012 08:05
    würde die Verdichtung nach Innen fördern und bestehende städtebauliche Strukturen akzentuieren. Die Definition sollte jedoch nicht auf das Minergielabel beschränkt bleiben (LEED etc.).
  • Bänninger Martin sagte:
    20.01.2012 01:22
    Initiative und Ansatz kann ich nur unterstützen!!!

    Ein sorgfältiger und kreativer Umgang mit der Bausubstanz sollte mit mehr Freiraum belohnt werden. Ist nicht ein Einbezug der Bürger - gesunder Menschenverstand - auch wieder vermehrt nötig? Das Gesetz setzt grobe Rahmenbedingungen; Absprachen mit Nachbarn erlauben Entwicklungen zu neuen Wohn-/Arbeits- und Erlebniszonen. Ist es nicht Zeit - die engen Fesseln zu sprengen und die vorhandene Substanz weiterzuentwickeln?
  • Hans D. Halter sagte:
    21.01.2012 10:54
    Verdichtung oder Beengung

    Ich verstehe Beats Anliegen sehr gut. Er will mit einer Erhöhung der Ausnützungsziffern der Sanierungsinitiative mehr Schub verleihen. Das Ganze muss aber unbedingt differenziert angegangen werden.
    Stärkere Verdichtung kann auch zu Beengung führen. Aus dem Ideal der Gartenstadt ist die beengende Realität der Einfamilienhäuschenquartiere geworden.
    So paradox es klingen mag: Verdichtung braucht auch Freiräume, wenn sie nicht beengend sein soll. Was heisst das? Sehr grosse Gebäude sollten in einer parkartigen Landschaft stehen. Mir scheint nicht primär eine Erhöhung der Ausnützungsziffer sinnvoll, wohl aber eine Konzentration der Ausnützungsziffer an Orten mit sehr guter Erschliessung durch den ÖV. Schlechter erschlossene Gebiete könnten allenfalls ihre Ausnützungsziffer auf besser erschlossene übertragen.
    Erst ab einer Hüllzahl von 0.9 und einer Grünziffer von 0.8 soll eine Ausnützungsziffererhöhung möglich sein.
    Werden Einfamilienhausquartiere verdichtet, kann bei unqualifizierter und/oder spekulativer Planung sehr schnell ein Gefühl der Enge entstehen. Der hohe Anteil an Freizeitverkehr scheint mir ein Indikator dafür zu sein, dass schon heute viele ihre Wohnsituation als beengend empfinden.
    Die Idee, in der zersiedelten Schweiz stark konzentrierte Bauten mit den entsprechend grossen Freiräumen zu schaffen, mag von vielen als Utopie abgetan werden. Auf Grund der psychologischen Wirkung eines Engegefühls in dicht überbauten Einfamilienhausquartieren und deren Auswirkung auf das Freizeitverhalten der Bewohner glaube ich nicht, dass Verdichtung a priori Energie spart.

    Hans D. Halter
    h.d.hater@bluewin.ch
  • R. Birri sagte:
    23.01.2012 18:39
    Aus meiner Sicht macht es Sinn, den Grundsatz "Bonus bei der Ausnutzung" z.B. zusätzliche Geschoss oder höhere Ausnutzungsziffer im Gesetz einzuführen für energetisch hochklassige Gebäude. Es öffnet sich Gestaltungsfreiraum zur qualitativen Verdichtung nach Innen. Es stellt sich aber auch die Frage des Masses.
    Bei Ausführungsbestimmungen und der Umsetzung müssen weitere Aspekte berücksichtigt werden z. B. Bauzone, Bebauungstruktur, Quartierplan, Aussenraum, Nachbarrecht? etc.
  • Beat Kämpfen sagte:
    26.01.2012 21:55
    Lieber Hans
    Es geht mir ausschliesslich um Mehrfamilienhäuser (z.B. mindestens 6 Wohnungen). Diese stehen meistens an vernünftig gut erschlossenen Lagen und die vielen privaten Mehrfamilienhausbesitzer renovieren ihre Häuser nicht mehr nur um Steuern zu sparen, sondern erhalten einen wirklichen Anreiz. Heute werden nur etwa 10% der Renovationen von einem Planer betreut, eine tiefgreifende Sanierung wird hingegen eine Fachperson benötigen, die dann die Chance hat ein Gesamtkonzept zu erarbeiten.
  • Beat Kämpfen sagte:
    26.01.2012 22:06
    Ich möchte meinen Vergleich mit dem Instrument der Arealüberbauung im Detail ausführen: In Z beispielsweise kann dank Arealüberbauungsprivileg in einer W3 ein 7geschossiges Gebäude entstehen mit etwa 50% höherer Ausnutzung. Ist das für den Nachbar, der eine kleinere Parzelle besitzt, aber architektonisch schön und erst noch energetisch top bauen möchte verständlich? Es braucht klare und grosse Anreize, sonst schaffen wir es nie den Gebäudebestand energetisch auf Vordermann zu bringen.
  • Jürgen Baumann sagte:
    15.02.2012 09:03
    Lieber Beat
    Ich bin skeptisch. a) Die Idee einer höheren Ausnutzungsziffer ist dann richtig, wenn eine Totalsanierung ansteht. Dazu braucht es erhebliche Mittel, die nicht immer vorhanden sind.
    b) Bin ich auch skeptisch dies ausschliesslich an dem Label Minergie festzumachen. Gebäude werden in Zukunft vermehrt nach Nachhaltigkeitskriterien beurteilt werden. Minergie ist kein Nachhaltigkeitslabel, sondern ein Planungsinstrument. Leider wird nach meiner Kenntnis noch nicht einmal die Betriebshphase einem ausreichenden Monitoring unterzogen. Wenn es schon Privilegien gibt, dann muss auch klar sein, ob die Anforderungen nachhaltig erreicht wurden.
    c) besteht in der Schweiz gerade eine Arbeitsgruppe unter Sponsoring des BfE, die sich mit den Kriterien eines Schweizer Nachhaltigkeitslabels auseinandersetzt.
    d) hat die SGNI eine Anpassung des recht guten DGNB Label auf die Schweiz vorgenommen
    e) drängt LEED in den Schweizer Markt (vielleicht noch nicht im MFH Bereich, aber im Zweckbau - siehe PrimeTower)
    Ich würde Dir gerne folgen, wenn konkrete energetische Anforderungen gestellt und auch nachweisbar erreicht werden. Ohne konkrete Messung ist das für mich nicht machbar.
    Grüsse Jürgen

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