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Erleben wir eine Renaissance urbaner Lebensmodelle?

Publiziert am 01.12.2011 von Urs Hausmann, Berater bei der Wüest & Partner AG
Mobilität Window

Meinung Noch vor rund 30 Jahren wurde von den A-Städten gesprochen: Damit wurde der Trend beschrieben, dass Grossstädte einen selektiven Bevölkerungsschwund erleben und danach vor allem ältere Menschen (Alte), einkommensschwache Personen (Arme), Auszubildende, Ausländer oder auch Aussteiger dort leben würden. Derzeit entsteht aber der Eindruck, dass die Städte als Wohnort eine Renaissance erleben.

Auch die Medien suggerieren häufig den Trend der Urbanisierung. Ein Blick in die Statistik offenbart aber kein einheitliches Bild: In den vergangenen 30 Jahren ist die Gesamtbevölkerung in den fünf Grossstädten Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich nicht gewachsen. Nur in Genf und Lausanne nahm die Bevölkerungszahl in dieser Periode zu. Betrachtet man die Entwicklung ab dem Jahr 2000, zeigt sich in Genf, Lausanne und Zürich ein Zuwachs von insgesamt gut 8%. Dies entspricht dem Schweizer Mittel. In Basel und Bern hat die Bevölkerung nur marginal um weniger als 1% zugelegt.

Von einem Trend urbaner Lebensmodelle kann also – wenn überhaupt – nur bedingt gesprochen werden. Das stärkste Wachstum weisen die äusseren Agglomerationsgemeinden der Gross- und Mittelstädte auf.

Die Menschen leben dort, wo «bezahlbarer» Wohnraum verfügbar ist und wo verkehrstechnisch gute Anbindungen an die Arbeitsplatzzentren bestehen. Es liegen also nicht urbane Lebensmodelle im Trend, sondern mobilitätszentrierte.

Führen diese mobilitätszentrierten Lebensmodelle zum Tod des Einfamilienhauses? Heute hat die Schweiz einen geschätzten Bestand von rund 930'000 Einfamilienhäusern. Nach dem Motto «Totgesagte leben länger» wird dieser Wohnungsbestand auch in Zukunft den Schweizer Gebäudepark prägen. Einerseits werden weiterhin zwischen 9'000 und 10'000 Einheiten pro Jahr gebaut. Andererseits lohnen sich – dank der gestiegenen Baulandpreisen – immer mehr Ersatzneubauten.

Der Gegenpart zum Einfamilienhaus wäre das Mehrfamilienhaus. Wird die bauliche und raumplanerische Verdichtung konsequent vorangetrieben, dürften in der Schweiz zahlreiche Wolkenkratzer – à la Hong Kong – entstehen. Jedoch kann davon ausgegangen werden, dass das realpolitische Klima nur langsam Veränderungen zulässt. Folglich ist es nicht schwer zu prognostizieren, dass bedeutende Veränderungen in den nächsten 20 Jahren kaum eine Chance haben werden. Es gilt das bekannte Sankt-Florian-Prinzip: Wir haben ein Problem, aber die Lösung soll nicht bei mir stattfinden.

Was bleibt unter dem Strich? Wir unterliegen häufig optischen Täuschungen oder auch eigenen Wunschvorstellungen. Eine Probe aufs Exempel gefällig? In welcher politischen Gemeinde befinden sich die meisten Einfamilienhäuser? Wer die Antwort kennt, denkt vernetzt.

Urs Hausmann

Urs Hausmann

Dr. oec. HSG Urs Hausmann arbeitet als Berater bei der Wüest & Partner AG in Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte bilden Marktstudien zum Schweizer Bau- und Immobilienmarkt sowie die Mitarbeit an der halbjährlich erscheinenden Publikation «Immo-Monitoring».

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