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Agglomerationen im Fokus

Publiziert am 07.12.2011 von Matthias Drilling, Leiter Institut Sozialplanung und Stadtentwicklung Fachhochschule Nordwestschweiz
Agglomeration Window

Meinung Wer im Zug von Zürich nach Baden reist, kann ein repräsentatives Stück Schweizer Städtebaugeschichte geniessen. Dorf um Dorf wurde «an die Stadt gekleistert», wie es einmal Nationalrat Armin Meili bezeichnete. Entstanden ist eine Ansammlung an Gebäudetypologien, die oftmals eher von Renditemöglichkeiten als von ihrer Einbettung in die Umgebung zeugen.

Die Wissenschaft hat dazu schon den passenden Namen gefunden: «Zwischenstadt» heisst diese Gemengelage, die dazu auffordert, im Spannungsfeld zwischen Städten, Lebensstilen, Städtebaugeschichten, Wahrnehmungen und nicht selten auch hoch frequentierten Verkehrsachsen eine Identität zu finden.

Das Limmattal ist kein schweizerischer Einzelfall. Denn nicht die Kernstädte sind die urbanen Wachstumsmotoren, sondern ihre Agglomerationen. Und es sind die Agglomerationen, in denen wir Stadt-Land-Konflikte ausmachen können:

Zum einen werden die alten Dorfkerne durch eine urban (und manchmal auch metropolitan) denkende Architektur überformt und zum anderen wird durch das neu entstehende Wohnangebot eine Bevölkerung angesprochen, die urban leben möchte, die ländliche Idylle aber weiterhin idealisiert.

Zurück ins Limmattal: Die Gemeinde Schlieren beispielsweise wirbt für ihre Standortgunst mit dem Slogan «Schlieren - wo Zürich Zukunft hat» und die Zentrumsplanung favorisiert einen «neuen urbanen Mittelpunkt». Als wüsste der Gemeinderat, was er mit diesen Bildern auslöst, verfasst er auf seiner Website den Hinweis: «Aber nur einige Schritte vom Zentrum entfernt fühlen wir uns wie in einem Dorf, wo man sich noch grüsst auf der Strasse». Das klingt wie eine vorauseilende Entschuldigung für das, was dem ehemaligen Bauerndorf mit über 1500jähriger Geschichte im Eiltempo verschrieben wird. An Gemeindeabstimmungen kann man es erleben, wenn es um urbane Phänomene wie Jugendarbeit und Kinderbetreuungseinrichtungen, Sauberkeit und Sicherheit, Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe geht. Hier prallen Vorstellungen des dörflichen Miteinanders und der städtischen Vereinzelung diametral aufeinander.

Die Architektur, die sich als Städtebau versteht, hat grossen Einfluss auf die Vermittlung zwischen Altem und Neuem, zwischen Dörflichem und Urbanem. Vor allem gilt es, das Land nicht von der Stadt aus zu denken. Modellprojekte, die das Vorhandene aufgreifen und nicht einfach fortschreiben, sondern in Beziehung zum Neuen setzen, können diesen Auftrag erfüllen. Konkret heisst dies, auf Bauten, die «städtebauliche Zensuren» oder «Interventionen» darstellen, zu verzichten. Denn diese symbolisieren eher ein Mainstream-Verständnis ohne lokale Bezüge. Architekten wie Jürg Ragettli, einst Präsident eines kantonalen Heimatschutzes und heute Bauverwalter einer Gemeinde, forderten zur Neuentdeckung einer Dorfarchitektur auf, deren Ziel es ist, gewachsene Strukturen sowohl auf dem Land als auch in der Stadt aufeinander hin zu entwickeln. Eine solche Vermittlung erzeugt dann auch andere Formen des Wohnens und spricht eine ausgewogenere Mieter- oder Eigentümerschaft an.

Matthias Drilling

Matthias Drilling

Matthias Drilling, Dr., leitet das Institut Sozialplanung und Stadtentwicklung an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er studierte Geographie und absolvierte das MAS Raumplanung an der ETH Zürich. Seine Schwerpunkte sind: Nachhaltige Quartier- und Siedlungsentwicklung, soziale Nachhaltigkeit in Wettbewerbsverfahren sowie die Evaluation von Siedlungsprojekten.

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