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Zukunftsfähig verdichten

Publiziert am 04.10.2011 von Thomas Noack, Geschäftsstelle des SIA, Themenbereich Raumplanung
Viadukt Window

Meinung Die Wohnbevölkerung in der Schweiz nimmt stetig zu, ebenso der Anspruch an die Wohnfläche pro Kopf. Wie lässt sich das prognostizierte Bevölkerungswachstum und insbesondere die Zunahme an Wohnraumbedarf pro Person in den kommenden Jahren bewältigen? Das oft gehörte Rezept heisst Verdichtung oder Innenentwicklung.

Was sich so einfach liest, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ausgesprochen anspruchsvolle Aufgabe. Wohl fordert die Bau- und Immobilienwirtschaft immer wieder eine höhere Ausnützung, welche die notwendige Rendite ermögliche und somit Anreiz zur Projektentwicklung bilde. Auch die unsinnigen Vorschriften müssten endlich weg (siehe Blogbeitrag von Ansgar Gmür). Doch ist dies wirklich der richtige Ansatz für eine nachhaltige und zukunftsfähige Gestaltung des Lebensraumes? Ich meine: Nein.

Wirklich nachhaltige Lösungen entstehen nur unter Einbezug aller Beteiligten.

So müssen Raumplanerinnen, Städtebauer, Spezialisten für die Gestaltung des öffentlichen Raums, Verkehrsplanerinnen und nicht zuletzt auch die Soziologen und Sozialarbeiterinnen gemeinsam mit den Investoren und Immobilienentwicklern und der öffentlichen Hand Wege suchen, um in die Jahre gekommene Quartiere an zentralen Lagen zu erneuern. Einhergehend mit der energetischen Sanierung und einer sozialen Aufwertung gilt es gleichzeitig signifikant mehr Wohn- und Arbeitsraum von hoher Qualität zu schaffen.

Drei wesentliche Forderungen: Erstens muss die öffentliche Hand den Willen und die Mittel haben, diese komplexen, interdisziplinären und ausgesprochen anspruchsvollen Planungsprozesse anzustossen und zu führen. Dafür muss sie die notwendige Fachkompetenz und genügend finanzielle Mittel bereitstellen. Zweitens müssen die Fachleute der verschiedenen Disziplinen von Beginn eines Projektes bis zur Realisierung gemeinsam um gute Lösungen ringen. Dies mit der deklarierten Absicht, dass jeder Fachbeitrag seinen Anteil zur nachhaltigen Gestaltung des Lebensraumes leistet. Zum Beispiel müsste die Frage an die Architekten gestellt werden, welchen Beitrag ein einzelnes Gebäude an einen attraktiven öffentlichen Raum im Quartier leistet. Drittens müssen Instrumente und Verfahren an die Aufgaben angepasst werden. Beispielsweise erlaubt das Verfahren der Testplanung kreative Lösungen zu entwickeln, Varianten zu Ende zu denken und diese mit Experten zu analysieren. Die Umsetzung in die bestehenden verbindlichen Instrumente der Nutzungsplanung gelingt aber oft nur schlecht. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Beispiele für eine solche Vorgehensweise sind noch rar, aber es gibt sie: So hat der Schweizerische Heimatschutz dieses Jahr die neun am Entwicklungsprojekt «l‘Ouest lausannois» beteiligten Gemeinden mit dem renommierten Wakkerpreis ausgezeichnet. Eine mutige Auszeichnung für ein wegweisendes Planungsprojekt, das dank aktiver Führungsrolle der öffentlichen Hand sowie der Leidenschaft und der fachlichen Kompetenz der Beteiligten ausgezeichnete Grundlagen für die Entwicklung einer wenig attraktiven Agglomeration geschaffen hat. Ein weiteres Beispiel ist das Viadukt im Kreis 5 in Zürich, welches von der SIA im Rahmen von Umsicht-Regards-Sguardi 2011 eine Anerkennung für die zukunftsfähige Gestaltung des Lebensraums erhielt (Siehe Bild). Solche Projekte sind meines Erachtens wegweisend.

Thomas Noack

Thomas Noack

Dr. Thomas Noack, Raumplaner und Geologe, war als Mitarbeiter des Raumplanungsamtes des Kantons Basel-Landschaft Projektleiter der Arealentwicklung Polyfeld Muttenz. Seit 2010 ist er in der Geschäftsstelle des SIA für den Themenbereich der Raumplanung zuständig.

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Kommentare

  • Meier sagte:
    04.10.2011 15:17
    Lieber Thomas, herzlichen Dank für diesen Text. Ich denke, dass es je nach regionalen Situationen bestimmte Spielräume und Grenzen für die Verdichtung gibt. Dabei spielen nicht nur die räumlichen Voraussetzungen eine Rolle, sondern die Fähigkeit, die lokalen Kulturen für die Ziele zu gewinnen. Entscheidend wird sein, wie man den ländlichen Raum und das vielfarbige Gefälle vom Dorf, über die "Neudörfer", die neuen "Dorf-Städte", die "Stadtdörfer" und die "Küstenregionen" (sogenannte Agglomerationen) rund um die Kernstädte gewinnen kann. Typisch für die Schweiz ist, dass in jedem Siedlungstyp (auch in der Agglomeration!) das dörfliche Gesicht erhalten bleibt und mit dem neuen Gesicht, den zugewachsenen Strukturen, in einem spannungsreichen oder auch harmonischen Austausch steht. Die Verdichtung nach innen benötigt diese Differenzierung - pauschale Urteile über die Bausünden auf dem Land sind kontraproduktiv.