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Raumplanung – Das ungeliebte Instrument

Publiziert am 07.09.2011 von Geri Müller, Nationalrat Grüne und Präsident der Schweizerischen Energiestiftung (SES)
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Meinung Als Prof. Kneschaurek in den 60er Jahren die Schweiz bis ins Jahr 2000 auf 10 Millionen BewohnerInnen anschwellen sah, entstand eine erste breite Raumordnungsdiskussion. Die Frage war: wo bitte sollen denn diese weiteren 5 Millionen leben? Vorbildlich entstand aus der Debatte das Raumplanungsgesetz. Die Wirkung dieses Gesetzes ist, wie wir heute sehen müssen, ausgeblieben.

Dafür gibt es verschiedene Gründe, welche im Zusammenspiel eine verheerende Wirkung haben:

  • Steuerwettbewerb in Kommunen und Kantonen: Er führt dazu, dass es sich lohnt, in einem anderen Kanton zu wohnen, als zu arbeiten. Ausserdem haben viele Gemeinden versucht, die Steuereinnahmen mit mehr BewohnerInnen zu erhöhen.
  • Zersiedlung: Damit wächst nicht nur eine Gemeinde zu einem Zentrum an, sondern es entwickeln sich langsam aber stetig Nachbargemeinden, welche sich langsam zu einem Siedlungsbrei ergiessen.
  • Verkehrszuwachs: Im gleichen Takt haben sich Arbeitsplätze immer mehr konzentriert. Einerseits wurden Infrastrukturen in den Dörfern geschlossen (Einkauf, öffentliche Dienste und Handwerk) und in der Region im Zentrum zusammengefasst. Leben und arbeiten driften immer weiter auseinander.
  • Flucht in die Freizeit: Der Erholungswert der Wohnumgebung leidet einerseits durch die zunehmende Einwohnerzahl, andererseits durch die verschwindenden „Inseln“ in der Siedlung. Die Folge davon ist die Flucht ins «Grüne», welches sich durch den wachsenden Siedlungsbrei immer weiter entfernt.

Zusammen mit der Zunahme der Wohnbevölkerung ist auch die Fahrzeugdichte gewachsen, die zurückgelegte Distanz verlängert worden und der öffentliche Verkehr gewachsen. Noch immer verschwindet pro Sekunde ein Quadratmeter unter Beton. Die Umkehr dieses Teufelskreises braucht gleichzeitig mehrere Umstellungen der Hebel: Im Zentrum stünde zwar die Raumplanung, welche eigentlich schon heute die Zersiedelung bekämpfen sollte, mangels Massnahmen aber nicht tut. Wirkungsvoller ist hingegen der Abbruch des Steuerwettbewerbs. Hinzu kommt der Steuerabzug für den Arbeitsverkehr. Wenn der wegfiele, würden Entscheide, weit weg vom Arbeitsort zu wohnen, reduziert. Aber auch Regulierungen in Bauordnungen können die Zersiedelung stoppen. Einerseits durch verdichtetes Bauen, was dann Erholungsfläche in der Nähe ermöglicht, steuerliche Anreize für weniger Flächenverbrauch (Wohnen und Umland) und Durchmischung von Wohnen, Arbeit, Freizeit und Einkauf.

Ziel aller dieser Bemühungen müsste sein, die Menschen vermehrt in der Nähe zu befriedigen und die alltäglichen Kilometer drastisch zu reduzieren.

Der Verkehr braucht heute einen Drittel der Gesamtenergie. Eine Reduktion um die Hälfte wäre ein Gewinn für die Umwelt, die Raumordnung und das öffentliche und private Portemonnaie. In der letzten Zeit wird immer wieder das E-Auto als Problemlösung ins Spiel gebracht. Die obigen Ausführungen zeigen jedoch auf, dass strukturelle Änderungen wesentlich schnellere und weitreichendere Lösungen bringen würden.

Geri Müller

Geri Müller

Geri Müller ist Nationalrat und Präsident der Schweizerischen Energiestiftung (SES). Als Mitglied der Aussenpolitischen Kommission sieht er die Energiewende als die einzige Chance, um aus der Wirtschafts- und Finanzkrise herauszukommen. Er studierte an der Uni Bern u.a. allgemeine Ökologie und ist heute auch Stadtrat in Baden.

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Kommentare

  • Renate Babic-Ackermann sagte:
    07.09.2011 10:02
    Das tönt nach Lebensqualität, die wir uns doch alle wünschen.
    Was ich hingegen gestern Abend auf der Autobahn von Zürich Richtung Luzern sah, liess mir die Haare zu Berge stehen. Warum bloss tun sich die Leute das täglich an?