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Ohnmacht gegenüber Energieherausforderungen durch Halbwissen

Publiziert am 03.09.2011 von Hansjürg Leibundgut, Professor für Gebäudetechnik am Institut für Technologie in der Architektur (ETH Zürich)
Viagialla Window

Meinung Die gegenwärtige Diskussion über Klimawandel, Energieversorgung und insbesondere Strom-versorgung wird auf einer sehr dürftigen Basis des Wissens geführt. Den peak of oil (ob früher oder später) scheint jedermann zu kennen und zu akzeptieren aber kaum jemand weiss, wie gross das Solarstrahlungsangebot der Sonne auf sein eigenes Hausdach im Sommer im Vergleich zum Heizenergiebedarf des Hauses im Winter ist.

Man glaubt zu wissen, dass Photovoltaikstrom sehr teuer ist, kennt aber die eigene Stromrechnung nicht. Man weiss nicht, dass der Stromverbrauch einer Erdsondenpumpe davon abhängt, wie tief die Erdsonde ist. Alle wollen ihre Heizung wechseln, aber niemand ist bereit für eine Beratung zu zahlen oder sich das Wissen selbst anzueignen.

Das Halbwissen führt dazu, dass jeder gute Fachmann ab den Fragen der Halbwissenden verzweifelt. Die Lösung aus dem Dilemma ist «der Glaube». Aber was und wem soll man glauben?

Ich habe in den letzten 5 Jahren einen Weg (die «viagialla») erkundet, der für sehr viele Gebäude individuell beschrieben werden kann. Er ist beschrieben in einer kleinen Broschüre und sehr ausführlich und mit 4 Beispielen in meinem neuen Buch «LowEx Building Design» belegt. Zusammengefasst: Bei über 80% der Gebäude in der Schweiz kann eine ausreichend grosse und sehr gute Wärmquelle für die neue Heizung konstruiert werden (400 Meter tiefe Erdsonden). Die Quelle beziehungsweise der Wärmespeicher kann im Sommer mit der Überschussenergie der Sonne gespiesen werden, die auf die Hälfte des eigenen Daches fällt. Die gespeicherte Wärme ist emissionsfrei. Weil man weiss, dass der Speicher in jedem Sommer nachgeladen werden kann, kann beziehungsweise muss er in jedem Winter entladen werden. Weil die Wärme tief im Erdreich gelagert wird und die Temperaturdifferenz des Wassers aus den Erdsonden und des Wassers im Heizkreislauf unter 20°C ist, kann man speziell für diesen kleinen Temperaturhub konstruierte Wärmepumpen einsetzen. Diese neuen Wärmepumpen weisen Jahresarbeitzahlen über 8 auf, sie verbrauchen also nur halb so viel Strom wie durchschnittliche Maschinen. Man kann also doppelt so teuren Photovoltaikstrom zum Antrieb der Wärmepumpe verwenden. Dieser Strom wird vorteilhaft mit einem Hybridkollektor auf dem eigenen Dach erzeugt, der eigentlich dafür gebaut ist, den Erdspeicher im Sommer zu laden. Wenn das Ganze vernünftig dimensioniert ist, kann man im Winter so viel emissionsfreie Wärme bereitstellen, dass das Gebäude nur noch relativ bescheiden (nach)gedämmt werden muss. Für jedes Haus ergibt sich ein eigenes Optimum der Massnahmen.

Für die Viagialla braucht es spezielle Werkzeuge (so wie es auch spezielle Instrumente braucht um auf einen hohen Berg zu klettern). Wenn man diese Werkzeuge hat, wird der Weg einfach. Wenn Viele den Weg begehen wollen, werden die Werkzeuge billiger. Weil es viele Häuser gibt auf der Welt, die die Viagialla als Weg auswählen könnten, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Werkzeuge wirklich billiger werden. Warum soll man diese Geschichte glauben und sich auf den Weg machen? Das muss jeder selbst entscheiden. Er kann andere Wege prüfen. Er kann die Viagialla als Variante prüfen. Wenn er an der Geschichte interessiert ist und froh wäre, wenn sie stimmen würde, dann kann er sich die Grundlagen selbst zusammensuchen. Man kann googeln unter viagialla, B35, Leibundgut, lowEx, ZeroEmission, etc. und wird eine Fülle von Informationen finden. Man kann sich neues Wissen aneignen.

Hansjürg Leibundgut

Hansjürg Leibundgut

Prof. Dr. Hansjürg Leibundgut wurde an der ETH Zürich als Maschinenbau-Ingenieur ausgebildet und hat in den Spezialgebieten Kernreaktortechnik und Fluiddynamik abgeschlossen. Ab 1976 war er im Gebiet der Energietechnik inkl. Solartechnik tätig. Von 1989 bis 2005 war er Chefingenieur, später CEO und VRP der Amstein+Walterth AG in Zürich. Seit 2005 ist Prof. Dr. Hansjürg Leibundgut Ordentlicher Professor für Gebäudetechnik an der ETH.

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Kommentare

  • Werner Aebischer sagte:
    24.01.2012 12:06
    Guten Tag Herr Prof. Leibundgut

    Ich verfolge Ihre Aktivitäten auf dem Gebiet der Gebäudeenergetik seit Jahren und finde sie sehr gut !
    Wenn Sie meine Jahresberichte in meiner Homepage anschauen, erfahren Sie mehr dazu.

    Auf den interessanten Artikel im "Bund" vom 20-Ja-2012 habe ich am 23-Jan-2012 ein Leserbrief veröffentlicht und einige positive Reaktionen ausgelöst.

    Es würde mich freuen, wenn Sie mich über die neuen Etwicklungen in Bezug auf Wärmepumpen ect.
    auf dem Laufenden halten könnten.

    Mit freundlichen Grüssen
    WERNER AEBISCHER BERAT.ING. SBHI
    www.energieconsult.ch