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Attraktive Gebäude und Siedlungen - kann auf Nutzerinteressen Rücksicht genommen werden?

Publiziert am 31.08.2011 von Matthias Drilling, Leiter Institut Sozialplanung und Stadtentwicklung Fachhochschule Nordwestschweiz
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Meinung Was bedeutet «attraktiv»? Und wer bewertet, was attraktiv ist? In einer modernen Gesellschaft hat jeder Mensch einen anderen Anspruch an das Wohnen: der eine liebt die Loftwohnung, die andere den nichtmodernisierten Altbau oder das ehemalige Bauernhaus, für jemanden im Rollstuhl steigt die Attraktivität durch einen ebenerdigen und barrierefreien Zugang zum Gebäude. 

Die Architektur entwickelt seit vielen Jahrzehnten spannende Ideen über die «richtige» Beschaffenheit von Siedlungen und Gebäuden. Interessant ist, dass viele der heute noch geltenden Modelle auf diejenige Bevölkerung abzielte, die sich ein Wohnen im Hochpreissegment nicht leisten konnte. Die Wohnung für das Existenzminimum (Ernst May in Frankfurt) ist eines der bekanntesten Beispiele. Andere Ideen stellen die Autofreiheit (zum Beispiel Arcosanti von Paolo Soleri in den USA) oder den qualitativ hochwertigen Erholungsraum (Modell der Gartenstadt nach Ebenezer Howard) ins Zentrum.

Wenn also nicht nur jeder Bewohner, sondern auch jeder Architekt seine Vorstellung davon hat, wie Gebäude und Siedlungen gestaltet werden müssen, um einen attraktiven Lebens- und Arbeitsraum zu bieten, dann wird die Planung von Siedlungen und Gebäuden zur Verhandlungssache.

Clevere Bauherren haben dies längst entdeckt und punkten damit, dass die richtige Vorbereitung eines Projektes bei der Frage nach den Nutzern beginnt und bei niedrigen Leerstandsquoten endet. Das macht sich dann auch finanziell bemerkbar (zum Beispiel durch geringere Unterhaltskosten, konstante Mieteinnahmen). Die SIA hat mit der Empfehlung 112/1 «Nachhaltiges Bauen - Hochbau» eine Grundlage erarbeitet, die Architekten und Bauherren ganz konkret zeigt, worüber zu verhandeln ist, wenn man eine attraktive Anlage erstellen möchte. Rund 15 Kriterien reichen von Themen wie «Gemeinschaft» (Integration/Durchmischung, Soziale Kontakte, Partizipation) über «Gestaltung» (Räumliche Identität, Wiedererkennung/Personalisierung) oder «Nutzung/Erschliessung» (Grundversorgung/Nutzungsmischung, Zugänglichkeit) bis zu den klassischen gebäudebezogenen Kriterien wie «Wohlbefinden» und «Gesundheit» (Sicherheit, Licht, Raumluft, Strahlung). Ein Architekt soll - so die Idee der SIA - vor einem Projekt mit dem Bauherren darüber verhandeln, was beachtet werden soll, Ziele festlegen und dann im Bauprozess darauf achten, dass diese eingehalten werden. Dieser Ansatz ist beachtenswert und es wäre zu wünschen, dass er sich zur SIA Norm weiterentwickelt. Seine Grenzen sind dort, wo es Architekten gibt, die kein Interesse an der längerfristigen Betrachtung der Immobilie haben, weil sie für einen Investor planen, der das Objekt nach Fertigstellung verkauft. Ob zehn Jahre später niemand mehr einziehen möchte, spielt für derart kurzfristiges und auf Rendite fokussiertes Denken keine Rolle. Dieses Problem zu lösen, dazu fehlen bisher gute Ideen.

Matthias Drilling

Matthias Drilling

Matthias Drilling, Dr., leitet das Institut Sozialplanung und Stadtentwicklung an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er studierte Geographie und absolvierte das MAS Raumplanung an der ETH Zürich. Seine Schwerpunkte sind: Nachhaltige Quartier- und Siedlungsentwicklung, soziale Nachhaltigkeit in Wettbewerbsverfahren sowie die Evaluation von Siedlungsprojekten.

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